Auf drei Plateauwagen gen Westen

 Brunfriede Fischer Von Mollard berichtet:

Wo Brunfriede Fischer Von Mollard am 08. Mai 1945 war, das weiß sie nicht mehr genau. Es könnte sein, dass sie in Eppendorf im Universitätskrankenhaus behandelt wurde. Grund war eine Behandlung an der Achillesverse in Folge der Kinderlähmung, an der sie im Alter von sieben Jahren erkrankte. Viel deutlicher hingegen bleibt ein anderes Datum desselben Jahres in Erinnerung. Es ist der 23. Januar 1945 auf einem Waldgut, in der am Fluss Obra gelegenen Ortschaft Tirschtiegel. Sogar die Uhrzeit weiß Brunfriede noch genau. Selbstredend ein sehr einprägsames Ereignis, wenn dieses nach so langer Zeit noch derart präsent ist. In der Dämmerung, um etwa 16:30 Uhr, stehen drei Plateauwagen zum Aufbruch bereit. Die beiden Wagen für den Personentransport waren mit Gummirädern bereift, während der Wagen für den Materialtransport mit eisenbeschlagenden Holzrädern ausgestattet war.

Über die Wägen waren auf dem Sägewerk des Waldguts hergestellte Dachlatten gespannt, die wiederrum mit Teppichen und Planen bespannt waren, um vor der eisigen Kälte von Minus 18 Grad Celsius zu schützen. Während das Artilleriefeuer der Roten Armee schon zu hören ist, machen sich Brunfriede, ihre Familie und weitere Bombenflüchtlinge bereit in Richtung Westen, zunächst nach Berlin zu fliehen. Die Familie, das sind die Mutter Erika, die vierzehnjährige Brunfriede als Erstgeborene, die Geschwister Adelhardt, Edeltraut, Klaus Ekkehardt, Gert-Rulemann, Heidemarie und Albrecht. Außerdem noch Tante Oberin, die den Vater noch im Ersten Weltkrieg als Lazarettschwester behandelte und die aus Schlesien stammende Kinderpflegerin Anni. Der Vater Gerd, ein Hauptmann der Reserve, darf nicht fliehen. Es gibt keinen Fluchtbefehl. Ein Befehl der Wehrmacht zwingt ihn, die Familie zunächst allein ziehen zu lassen. Überflüssiges Pferdegeschirr der umliegenden Bauernhöfe solle er einsammeln und der Wehrmacht zur Verfügung stellen. Ein irrwitziger Befehl, angesichts der damaligen Lage.

Die heute in Polen liegende Stadt Trzciel, hatte zum damaligen Zeitpunkt etwa 2.200 Einwohner und zusätzlich waren schon viele Menschen aus Berlin vor den Bomben dorthin geflohen. Wenn Brunfriede von ihrer Heimat erzählt, dann strahlen Gesicht und Körper voller Freude. Und das ist kein Wunder, die Erzählungen über ihr Elternhaus gleichen einer Märchenlandschaft. In den Kiefernwäldern, mit ihren borkigen, goldbraunen Stämmen sowie ihren blaugrünen, duftenden, langen Nadeln und der durch viele Seen und schmale Chausseen geprägten Landschaft, befand sich das 1.200 Hektar große Waldgut der Familie. 1918, nach der Grenzziehung anlässlich des Versailler Vertrages, befanden sich nur noch ein Drittel des Gutes auf deutscher und zwei Drittel auf polnischer Seite, wobei allerdings keine Enteignung vorlag. Herzstück des Gutes war das hübsche Schloss  Tirschtiegel der Familie, von welchem in Brunfriedes Wohnung noch heute ein Foto prangt.

Auf dem Gut wurde Forst-, Pferde-, Fisch- und Landwirtschaft sowie ein eigenes Sägewerk betrieben. Die Landwirtschaft gestaltete sich als schwierig auf dem sandigen Boden. Mithilfe von untergepflügten Lupinen als Gründünger konnten jedoch Kartoffeln, Roggen, Hafer und Gerste angebaut werden. Unter anderem lieferte der Vater trockenes Grubenholz für den Bergbau nach Schlesien, welches dort die Bergstollen stützte. Die Planen, die sonst das Grubenholz während des Transports vor Nässe schützten, schützten jetzt Brunfriede und ihre Familie auf dem Plateauwagen, zusammen mit Säcken voll Pferdefutter und wegen der Kälte inzwischen erfrorenen Kartoffeln. Wäre der Krieg nicht gewesen, wäre das von Brunfriedes Großvater gekaufte Waldgut 1948 schuldenfrei gewesen. Wäre der Krieg nicht gewesen, wäre Brunfriede wahrscheinlich landwirtschaftliche Beamtin auf dem Waldgut geworden. Wäre der Krieg nicht gewesen, so hätte Brunfriede ihrer Leidenschaft den Pferden, auf dem Waldgut frönen können. Aber so sollte es nicht sein. Immer noch denkt Brunfriede voller Trauer an den 23. Januar 1945 zurück und bezeichnet ihn als einen unheimlich traumatisierenden Moment in ihrem Leben.

Der Flüchtlingstreck floh nach Berlin. Nachdem man dort angekommen war, wurde dieser aufgelöst und es ging nachts nur mit der Familie, ohne den Vater, mit dem Zug weiter nach Goslar im Harz. Dort lebte man beengt zusätzlich noch mit der Tante und deren Kindern zusammen beim Großvater mütterlicherseits. Solange, bis ein Vetter des Vaters, Onkel Diedrich, zu Besuch kam und aufgrund der Verhältnisse anbot, zu ihm auf sein Landgut in der Gemeinde Gülzow, im Kreis Lauenburg nach Schleswig-Holstein zu kommen. Die Kinderpflegerin Anni und die drei jüngsten Kinder konnten mit Onkel Diedrich und dessen Auto vorfahren. Für Brunfriede und die übrige Familie bedeutet es schon wieder drei Nächte Flucht nach Gülzow. Die Familie fand ein neues Zuhause in Melusinental in Gülzow, Kreis Lauenburg an der Elbe auf dem Landgut des Onkel Diedrich.

Während der Erbsenernte, es muss Ende Juni oder Anfang Juli 1945 gewesen sein, ließen Brunfriede und ihre Geschwister alles stehen und liegen, als sie hörten, dass ihr Vater Gerd, liebevoll Väterchen genannt, aus der Kriegsgefangenschaft entlassen worden war. Nun war die Familie endlich wieder vereint.

Ein weiteres bedeutsames Ereignis im Leben von Brunfriede, war der 13.November 1961, der Tag, an dem ihr Vater an inoperablem Nierenkrebs starb. Bis heute ist sie der Überzeugung, dass der Verlust der Heimat und des Lebensmittelpunkts Gut Tirschtiegel, welches der Vater zeit seines Lebens nicht mehr erblickte, einen großen Einfluss auf die Erkrankung des Vaters hatte. Wenn Brunfriede auf die damalige Zeit zurückblickt, so möchte sie den nachfolgenden Generationen etwas hinterlassen, was sie selbst aus ihren Erfahrungen gewonnen hat:

Brunfriede sagt, dass sie anlässlich ihrer Polio-Erkrankung mit sieben Jahren begann sich die Frage zu stellen: „Warum ich?“ aber mit der Zeit die Frage stellte: „Wozu ich?“ Ihre Antwort: Uneingeschränkte Empathie für andere Menschen. Auch auf die aktuelle Zeit bezogen sagt sie: „Ich kenne das Schicksal und die Leiden von Menschen, die gezwungen sind, ihre Heimat zu verlassen und täglich in Unwissenheit darüber sind, wohin sie kommen. Wir haben einen Mund zum Reden und einen Kopf zum Denken, bevor man sich bis an die Zähne bewaffnet, um Konflikte zu lösen.“ Ein Geheimnis verrät Brunfriede mir noch. Ursprünglich schrieb man ihren Namen nicht mit „ie“, sondern mit „i“. Da Brunfriede gerne etwas mit Frieden zu tun haben wollte, überzeugte sie die Behörden mit Beharrlichkeit von ihrer bevorzugten Schreibweise.

Das Interview führte: C.K., Ehrenamtlicher bei den Ambulanten Versorgungsbrücken e.V.


	    

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