Begegnungen …

Edith und Wilma, zwei alte Damen voller Esprit

Nach einem Theaterbesuch treffen wir uns in großer Runde in einem gut besetzten Lokal. Mit zwei alten Damen mir gegenüber unterhalte ich mich wohl gelaunt. Nach einem Glas Rotwein bieten sie mir das Du an: Edith und Wilma. Weiterhin fröhliches Geplauder, nicht ohne Esprit. Nach einiger Zeit hebe ich meinen Kopf: Wir drei sind die Letzten im Lokal. Beim Abschied frage ich die beiden nach ihrem Alter. Ich bin baff. Mit 88 und 92  Jahren die Letzten im Lokal! Und ich mit meinen 79 Jahren habe soeben zwei Vorbilder an Lebendigkeit und Interesse kennen gelernt.

Wir treffen uns zu dritt

Ab und zu treffe ich die beiden im Viertel – in der Sparkasse, beim Einkaufen. Jedesmal plaudern wir etwas. Edith ist auf dem Weg zum Friseur. Über euch möchte ich mal schreiben, was ihr so macht und wie ihr lebt. Ob sie Lust hat mir einiges zu erzählen, frage ich sie. Das gefällt ihr, und sie zählt gleich drei weitere Frauen auf, mit denen sie sich oft zum Singen, zum Doppelkopf oder einfach zum Reden trifft. Vier  wären mir zuviel. Aber vielleicht Wilma und sie?  Abgemacht!

In Ediths Wohnung im „Haus im Viertel“ treffen wir uns zu dritt: Wilma, Edith und ich. Wilma wohnt nebenan und ist schon da, als ich klingele. Edith steht in ihrer Kochecke und brüht Kaffee auf. Eine Schale mit Keksen kommt auf den Tisch und die beiden erzählen – kaum dass ich mit meinen Notizen hinterher komme.

Zum Schluss waren sie zu zwölft

Alles was sie berichten hat etwas mit ihrer Offenheit anderen Menschen gegenüber, mit Gesprächen und überhaupt mit Nähe und Zusammensein zu tun. Das scheint das Geheimnis ihrer Lebendigkeit zu sein. Da sie nebeneinander wohnen, treffen sie sich im Sommer oft auf einer der kleinen Terrassen vor ihrer Tür. Dann kommen Andere vorbei. Ein Wort gibt das Andere, manche holen dann einen Stuhl oder sogar eine Flasche Wein. An einem warmen Sommerabend waren sie zum Schluss zu zwölft.

Nachts mit dem Rollator unterwegs

Sie besuchen Theater, Konzerte und Vorträge, singen in einem kleinen Chor. Neulich zur Mondfinsternis kamen sie erst nachts gegen halb zwei Uhr wieder nach Hause. Sie waren im Viertel unterwegs – Edith mit ihrem Rollator –  bis sie die beste Position gefunden hatten, das Schauspiel am Himmel zu betrachten. Wilma lässt keinen der monatlichen Tanzabende aus. Edith ist auch dabei. Sie schaut zu.

Zusammensein ist wichtig

Überhaupt sorgen sie dafür, dass sie geistig und körperlich in Bewegung bleiben. Sie kennen auch die gesundheitlichen Beschwerden des Alters. Sie gehen offen damit um. Aber ihre Einschränkungen werden nicht groß thematisiert. Ihr Interesse an anderen Menschen, an Geselligkeit  und das Miteinander scheinen ihr Lebenselexier zu sein.

Sie hatten immer mit Menschen zu tun

Edith war gelernte Krankenschwester und hat zehn Jahre als Pflegedienstleiterin in einem Altersheim gearbeitet. „Damals hatten wir noch Zeit, die Leute mal in den Arm zu nehmen“. Und Wilma war im Fuhrbetrieb ihres Mannes tätig und hat sogar den Lastwagen gefahren. Und sie hat das Bundesverdienstkreuz für den Aufbau eines Besuchsdienstes für Behinderte und alte Menschen bei der St.Michaelis-Gemeinde bekommen. 35 Jahre hat sie ehrenamtlich mitgearbeitet. Gelegentlich macht sie noch heute den Telefondienst und trifft sich mit Kolleginnen. Und beide zusammen haben sieben Kinder, sieben Enkel und sieben Urenkel!

Elfie Siegel

  1 comment for “Begegnungen …

  1. Bettina
    22. September 2018 at 11:10 am

    Dein Gespür, Elfie, interessante Menschen auf zu tun und über sie zu schreiben, hat dieses Mal zu einer berührenden Vorstellung lebensfroher Seniorinnen geführt. Diese Lebensfreude, die aus der Geschichte sprüht, macht wirklich neugierig auf das eigene Erleben im Alter. Es gibt so vielfältige Möglichkeiten – man muss sie nur erkennen und bereit sein, sie zu ergreifen. Also, packen wir es an!

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