Freibad: Karbolineum oder Altöl

Wie ein bestimmter Geruch einem doch in der Nase bleibt

Als Kinder, wohnhaft in Lübeck, mussten wir schon ein paar Kilometer Fußmarsch auf uns nehmen, um zu unserem Freibad zu kommen. Freibad hieß es damals nicht, sondern Badeanstalt. Unsere Badeanstalt war in der Wakenitz, einem Naturgewässer mit braunem Wasser. Es war so warm, wie die Sonne es zu erwärmen schaffte. Kam man der Badeanstalt näher, konnte man sie direkt schon riechen. Die Holzstege hatten einen ganz bestimmten, für uns Kinder wunderbaren Geruch, den ich noch heute in der Nase habe. Heute weiß ich nun leider, dass es kein besonders gesunder Geruch war.

Schwimmkurs

Wir haben unser Freibad geliebt. Alle Kinder haben dort ihren Schwimmunterricht absolviert. Zuerst lagen wir zwischen zwei Blechdosen, die uns vor dem Untergang bewahrten und dann kamen die Korken dran, bis man nur noch auf zwei, drei Korken schwamm und endlich ohne jegliche Hilfe seinen Freischwimmer machen konnte. Als ich dran war, war das Wasser so kalt und ich so dünn, dass der Bademeister mich von Kopf bis Fuß dick mit Niveacreme eincremte, damit die Kälte mir nicht so viel anhaben konnte. Stolz sprang man dann vom Einmeterbrett in das undurchsichtige Wasser und hatte endlich das Abzeichen am Badeanzug.

 

Dann gab es da noch die Bude mit den Süßigkeiten. Für einen Groschen konnte man sich etwas gönnen. Da überlegte man ganz genau, ob man sich eine Lakritzstange kaufte, oder doch lieber einen Lolly oder sogar zwei kleinere Teile für je fünf Pfennig. Einen kleinen Sandstrand hatte unsere Badeanstalt natürlich auch, und wir fühlten uns der Ostsee schon ganz nah. Wer schwimmen konnte, durfte dann auch die Holzbalken im Wasser, die die Nichtschwimmergrenze bildeten, überwinden und ein Stückchen weiter in die Wakenitz raus schwimmen. Für ganz Mutige hatte unsere Badeanstalt sogar ein Dreimeterbrett, was uns nicht so hoch vorkam, da wir nicht so wie heute im Freibad auf den Grund sehen konnten.

Diese Badeanstalt gibt es heute immer noch! Die Kinder der heutigen Generation bevorzugen allerdings, geprägt durch ihre Eltern, das warme Wasser im Kachelbecken.

Gertrud von Hacht

  2 comments for “Freibad: Karbolineum oder Altöl

  1. Erika
    20. Juli 2018 at 9:12 am

    Gertrud, beim Lesen deines Artikels muss ich schmunzeln in der Erinnerung an meine „Badeanstalt“ in der braunen Ilmenau in Lüneburg. Dort habe ich meine ersten Schwimmversuche gemacht.

  2. Tina Norden
    29. Juli 2018 at 11:26 am

    Wer weiß, Gertrud, vielleicht sind wir uns dort sogar begegnet…..! Mein Freibad war nämlich ein paar Jahre genau dieses – und später, während der Ferienbesuche bei meiner Großmutter, starteten wir mit ihr morgens mit dem Doppeldeckerbus oder der Eisenbahn von Lübeck nach Travemünde, versorgten uns im Kiosk am Bahnhof mit Proviant und abends ging es müde, aber mit Vorfreude auf den nächsten Strandtag zurück. Wie war es schön!
    Tina

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.