Bestand hat, was sich wandelt und bewegt!

älteres Paar auf der Parkbank

(c) Elfie Siegel

Auf dem Wochenmarkt treffe ich ein älteres Ehepaar.

Beide sind inzwischen über 80 Jahre alt. Sie, eine zierliche alte Dame, auf schöne Art und Weise gealtert wie ich meine und er, ein paar Jahre älter als die Ehefrau, 83 oder 84 Jahre, hat immer noch die kräftige sportliche Figur und läuft jetzt im Alter etwas gebeugt…

Zunächst fällt mir im Gespräch nichts Besonderes auf. Wir haben uns im letzten Jahr aus den Augen verloren. Früher trafen wir uns gelegentlich, gingen zusammen in Konzerte, zu einem Restaurantbesuch oder einem Kochabend. Wechselweise mal bei dem einen, dann dem anderen Ehepaar. Nebenbei, wir, mein Mann und ich, sind 10 Jahre jünger als das ältere Paar. Sie ist lebhaft wie eh und je, ein junges Funkeln in den Augen bemerke ich… früher schaute sie oft sehr müde aus um die Augen herum.

Nach einem kurzen Plausch über vegetarische Ernährung packe ich Obst, Gemüse, Brot in den nun randvollen Einkaufskorb. Wir verabschieden uns. Er meint mit einem lustigen Zwinkern in den blitzblauen Augen: „Wie gut, dass wir noch kinderlos sind. Wir genießen das, meine Frau und ich. Unsere Eltern freuen sich auf Enkelkinder und nerven uns mit Fragen, wann es denn nun endlich so weit ist… Wir kümmern uns gar nicht um das Gerede.“

Senioren auf einer Parkbank

(c) Elfie Siegel

Herzlich, auch um meine Verunsicherung zu verbergen, umarme ich meine alte Bekannte, verberge meinen Kopf halb in ihrem immer noch prächtigen, nun weißen Haarschopf und flüstere: „Was ist passiert?“ Dies aus dem Grund: Das Paar hat drei Kinder großgezogen. Sie leben und arbeiten alle im Ausland. Besuche sind sehr selten: Gelegentlich, etwa ein Mal im Jahr, manchmal nur alle zwei Jahre. Sie antwortet, ebenso halblaut: „Mein Mann vergisst jetzt manchmal etwas. Bis jetzt genieße ich es. Es ist wunderschön. Ich fühle mich in bestimmten Situationen wie damals, in der Anfangszeit unserer Ehe…“.

Lächelnd gehe ich langsam nach Hause. Die Beziehung der beiden alten Menschen hat sich durch die Erkrankung des Ehemannes (ich vermute: Demenz) gewandelt. Es hat sich etwas  b e w e g t  in der Beziehung. Aus unserem gemeinsamen Kontakt der letzten Jahrzehnte weiß ich: Die Ehe war gut. Sie hatten ein ruhiges, gemächliches Leben ohne Geldsorgen oder andere Belastungen. Ein bisschen gelangweilt wirkten sie vor zwanzig oder zehn Jahren. Heute, im hohen Alter: Spritzig und flott!

Meine Befürchtungen hinsichtlich Hochaltrigkeit sind an diesem Tag (fast) verschwunden.

Joschi

  1 comment for “Bestand hat, was sich wandelt und bewegt!

  1. Erna
    10. Februar 2016 at 11:40 am

    Eine herzerfrischende Geschichte und eine schöne Begegnung im Alltag. Ich freue mich über diesen Artikel.

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