(6) Bremer Mutmacher: Christian „Stolli“ Stoll

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Liebe Buten- un Binnen-Bremer,

nie war der Satz so wahr und gleichzeitig unwirklich wie heute. Die Buten-Bremer, die trotz Covid-19 noch raus dürfen und eben die anderen, die binnen, also drinnen bleiben müssen, die Alten, Kranken und die Schwachen.

Geteiltes Leid

Mit Ihnen möchte ich diese, meine ganz persönlichen Gedanken zu Ostern 2020, teilen, denn schon geteiltes Leid ist halbes Leid. Und glauben Sie mal nicht, Christian Stoll(i), der bekannte Stadionsprecher unseres einst, aber derzeit durchaus nicht ruhmreichen SV Werder, habe nicht auch sein Bündelchen zu tragen. Das hat derzeit wohl jeder, was nicht unbedingt tröstet, aber doch die Lage einsichtiger vielleicht macht. Einer trage des andern Last, das war das Motto des evangelischen Kirchentages 1977 in meiner zweiten Heimat Berlin. Dieses Bibelwort hat in diesen Zeiten nichts von seiner Bindungskraft verloren. Wie ich auch fest daran glaube, dass auch die Medaille Corona uns eine zweite Seite offenbart. Die Welt wird nicht mehr die Gleiche sein, es sind Ereignisse wahrhaft erdgeschichtlicher Ausmaße, aber sie offenbaren eben auch den wahren Kern der Dinge. Was ist eigentlich wirklich wichtig? Was wollen wir?? Und was ist realistisch nach all dem???

Wichtigkeits-Gebrabbel

Ich sehe es so: Wir alle sind, cum grano salis, mit ICE-Tempo auf eine Bummelzugstrecke geraten. Der Zug rollt noch, aber er muss eben deutlich langsamer fahren. Das www., die Globalisierung, dieses immer mehr und immer schneller, das hat viele auf der Strecke gelassen. Wenn wir Alten, ja, ich werde im Sommer 60, zähle spätestens dann auch faktisch dazu, irgendwann zurücksehen auf das Frühjahr 2020, werden wir hoffentlich sagen können: Hurra wir leben noch! Zwei Generationen nach uns wird jetzt in der Krise so miteinander kommuniziert: “Superbes Closing-Dinner gehabt. Echt toughe Insights. Wie die die Sache aufgleisen, excited mich. Zählt mega auf das Markenkonto ein. Topic ist zwar tricky, weil ein paar Typen zero visibility haben, aber das languagen wir schon. Prozess wird entsprechend aufgesetzt.“ Was bitte ist das für eine Sprache? Nein, das ist keine Sprache, das ist Wichtigkeits-Gebrabbel! Wir müssen reden, gerade in diesen Zeiten, aber eben reden und nicht schwafeln. Und wir müssen sehen wollen und zwar die guten Zeichen. Wieviel Menschen da gerade sind, die sich im Wortsinne aufopfern, um für andere da zu sein, das ist schlichtweg phänomenal und zeigt, dass Solidarität gerade in der Not keine leere Worthülse ist. Tat schlägt Wort, hieß es schon im alten China, insofern schließt sich auch hier ein Kreis. Wir, die Deutschen, sehen jetzt in vielen gesellschaftlichen Bereichen, interessanterweise auch in der so oft – zurecht! – gescholtenen Politik, Visionäre, Kämpfer und Mutmacher.

EPH HAPAX

Wir erkennen in der Krise in uns ungeahnte Kräfte und Potentiale. Wir lernen Menschen, die uns eher fern waren, näher, ja ganz nah kennen. Alles wird gut? Nein, alles wird anders, es ist eine Katharsis, die wir gerade durchmachen, jeder für sich und doch alle gemeinsam. Und da passt dann doch vielleicht ein Stück weit eigene Lebenserfahrung, von der ich glaube, die kann jedem mit auf den Weg geben: Nimm Dich selbst nicht so ernst ! Oder anders, vom Sofa hoch ist noch keine wirkliche Auferstehung. Womit wir bei Ostern wären. Der Apostel, den Jesus vor Damaskus (!), vom Saulus zum Paulus gemacht hat, konnte kein aramäisch, die damalige Verkehrssprache der Region. Er schrieb also die wichtigste Osterbotschaft in seiner griechischen Muttersprache: EPH HAPAX, übersetzt etwa, ein Ereignis, einmalig für alle Zeiten. Vielleicht spüren wir die Intensität dieser Worte an Ostern 2020 gerade besonders stark.

JWvG

Ich persönlich mochte Ostern immer viel mehr als Weihnachten. Es ist für einen bekennenden evangelischen Christen, und warum sonst heiße ich Christian, das höchste Fest überhaupt, es ist die Geschichte von Überzeugung und Treue, Verrat und Willkürjustiz, Tod und Auferstehung, Liebe und Leben, kurz, eine zutiefst menschliche Geschichte. Sieht jemand die Zeichen von Ostern 2020 ? Die Sonne lacht vom Himmel, („Vom Eise befreit sind Strom und Bäche“, JWvG, Osterspaziergang aus Faust 1) dass es eine wahre Freude ist! Die Menschen, die uns wirklich wichtig sind und uns nicht nah sein können, sind nicht auf Abstand, ganz im Gegenteil!! Und es scheint doch auch so langsam Licht am Ende des Tunnels namens Covid-19.

Ein Leuchtturm

Nun, es ist wie es ist, oder wie der Kölsche sagt, et kütt wie et kütt; wir nüchternen Norddeutschen würden es aber wohl eher so sagen: Es ist wie es ist. Aber es wird, was Du daraus machst. Der große Hamburger Wolfgang Borchert hat sein Wanken und Weichen einmal so beschrieben: „Ich möchte ein Leuchtturm sein in Nacht und Wind, für Dorsch und Stint, für jedes Boot, und bin doch selbst, ein Schiff in Not.“ Ist das nun der von Psychologen immer so erwünschte positive Schlusskontakt am Ende eines Vortrages, einer Rede oder eines Essays? Nein, ganz gewiss nicht und von daher, auf gut platt: „All`t mit maten un schluck mit`n schleif“. Bleiben Sie fröhlich!!!

Ihr Christian Stoll(i)

Werder-Bremen Stadionsprecher „Stolli“, einmal analog und schriftlich!

„Bremer Mutmacher“ ist eine Aktion der SeniorenVertretung in der Stadtgemeinde Bremen zusammen mit Stadtportal Bremen

Bisher bei „Bremer Mutmacher“ (mit einem Klick):

(1) Frank Imhoff, 3.4.2020

(2) Dr. Andreas Bovenschulte, 5.4.2020

(3) Elena, 6.4.2020

(4) Carsten Meyer-Heder, 9.4.2020

(5) Dr. Kirsten Kappert-Gonther, 11.4.2020

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