…und die großen lässt man laufen…

Zerstörtes Haus

(c) frauenseiten.bremen, Robers

Die kleinen Gauner hängt man auf, die großen lässt man laufen, wär´ umgekehrt der Weltenlauf, würd´ ich mehr Strick verkaufen.

Dieser Spruch des fast ausgestorbenen Seiler-Handwerks findet sich noch an einer alten Seilerei in Obertirol. Kürzlich wurde ich wieder mal daran erinnert.

Kriegsverbrechen eines einzelnen Soldaten

Die Presse berichtete, ein israelisches Militärgericht habe einen jungen Soldaten wegen Totschlags schuldig gesprochen, das Strafmaß stehe allerdings noch aus. Was wird ihm vorgeworfen? Im März 2016 hat er während einer Kampfhandlung einen verletzten palästinensischen Attentäter erschossen, nachdem dieser einen der israelischen Kameraden mit einem Messer angegriffen und auch verletzt hatte. Der Israeli befürchtete aufgrund jahrelanger Erfahrungen, der Palästinenser könnte unter seiner Jacke einen Sprengstoffgürtel tragen und diesen zur Explosion bringen. Ein durchaus nachvollziehbarer Gedanke! Trotzdem erklärte die Richterin, der Todesschuss sei „unnötigerweise“ abgegeben worden. Damit ist dieser Vorfall als Kriegsverbrechen zu bewerten.

„Sauberer Krieg“ im Alltag des Weltgeschehens

Menschen auf der Flucht schw/weiß

(c) Bundesarchiv, Bild 146-1985-021-09 / Unbekannt / CC-BY-SA 3.0

Wer Krieg erleben musste, ich spreche aus eigener Erfahrung, der weiß, dass Krieg nun mal seine eigenen Gesetze hat, und je länger er dauert, umso mehr herrschen Verrohung, Grausamkeit und Unmenschlichkeit. In bestimmten Angriffs- und Verteidigungssituationen denkt man nicht mehr an Genfer Konventionen, man sieht nur noch das eingetrimmte Feindbild, es geht nur noch um das eigene Überleben. Angst und grausame Bilder vom Leiden und Sterben der Menschen um einen herum erzeugen Verhaltensweisen, die sich oft jeder Vorstellungskraft entziehen.

Man sehe sich nur die Kriegsschauplätze im Nahen Osten oder in Afrika an. Da sind Kriegsverbrechen an der Tagesordnung. Luftangriffe auf Krankenhäuser und Wohnquartiere, Einsatz von Giftgas, Plünderungen, Geiselnahmen, Vergewaltigungen und Exekutionen von Gefangenen. Wer glaubt, dass man nach wochen- oder jahrelangem Fronteinsatz im Kampfgetümmel noch zwischen Recht und Unrecht unterscheiden kann, wer glaubt, dass es einen „sauberen Krieg“ gibt, der hat von Krieg keine blasse Ahnung oder ist ein unerträglicher Ignorant.

Es geht um Macht und Besitz

Kriegsverbrechen, Zeichnung: schwarze Stiefel und Tarnhose

(c) Hannah Lena Puschnig

Weltweit finden sich genug Überlieferungen, die über die Realität des Krieges informieren, Filme, Sachliteratur, Belletristik, Mahnmale, Soldatenfriedhöfe und Erzählungen derjenigen, die den 2.Weltkrieg erlebt haben oder jetzt aus Kriegsgebieten geflohen sind. Aber trotz der historischen und gegenwärtigen Katastrophen und ihrer schrecklichen Folgen glauben viele der Mächtigen unserer Welt immer noch daran, dass Gewalt und Krieg vertretbare Instrumente zur Durchsetzung ihrer politischen oder ganz eigennützigen Interessen sind. Um Macht und Besitz zu mehren und zu wahren und ihre oft perversen Neigungen zu befriedigen, rüsten sie auf und zwingen irgendwann ihre Völker zu den Waffen, zerstören ihr eigenes Land, tragen Krieg in fremde Länder und fügen Millionen Menschen Not, Leid und Tod zu. Und die UNO belässt es meist bei Wehklagen und schaut zu, obgleich sie gewiss Mittel hätte, dem üblen Treiben Einhalt zu gebieten.

Wenn man schon den israelischen Soldaten oder, erinnern wir uns, den in Afghanistan stationierten deutschen Oberst vor Gericht stellt, dann sollte man nicht zu erwähnen vergessen, wem die Soldaten der Kampftruppen den risikoreichen Schlamassel zu verdanken haben, der sie ins Gefängnis zu bringen droht, weil sie vielleicht ein Gefecht situativ falsch eingeschätzt und dabei auch emotional falsch reagiert haben. Die Mitschuld liegt auch bereits bei denen, die statt geduldiger und überzeugender Politik intensive Aufrüstung betreiben, mit dem Säbel rasseln und verantwortungslos mit dem Kriegsrisiko spielen.

Anführer und Aufheizer ächten

Schild mit durchstrichenem Wort: war

(c)frauenseiten.bremen, Robers

Bevor man dem israelischen Soldaten „einen Strick dreht“, sollte die UNO dafür sorgen, dass die Anführer und Aufheizer des Nahostkonfliktes und der über 40 anderen Kriegskonflikte weltweit geächtet und ohne Ausnahme dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag vorgeführt und dort nachhaltig zur Verantwortung gezogen werden. Und wenn ein Bürger wegen Mordandrohung schon verknackt werden kann, dann müsste auch Kriegstreiberei strafbar sein. Gerade wir Alten, die wir den Krieg erlebt haben, sollten nicht vergessen, uns dafür einzusetzen, dass der Weltenlauf endlich umgekehrt wird. Der Ruf nach 1945, „Nie wieder Krieg!“, darf auch nach 70 Jahren zumindest in Europa nicht einfach verhallen.

Gerd Feller

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