Meine Glühbirne lebt länger als ich

Neulich habe ich mir eine LED-Birne für meine Stehlampe gekauft. „Die hält 30 Jahre“, versicherte mir die Verkäuferin. Als ich das kleine Elektrogeschäft verlassen hatte, kicherte ich in mich rein: Ich wäre dann 108 Jahre alt, wenn die Glühbirne und ich ab heute die gleiche Haltbarkeitszeit hätten.

LED-Birne in einer Lampe

(c)barckhausen

Mal wieder wurde mir klar, dass mein Leben endlich ist. Aber letztendlich kann ich es mir nicht vorstellen, nicht für mich. Obwohl ich mir schon vor elf Jahren einen Urnen-Platz unter einer Buche im Friedwald gekauft habe.

Ich habe ein Testament begonnen

Ich habe vor zwei Jahren damit angefangen aufzuschreiben, wer was aus meinem Nachlass bekommen soll. Es fing damit an, dass eine Freundin beim nachmittäglichen Kuchenessen meinte: „Dein Teegeschirr möchte ich mal erben.“ Mir blieb die Spucke weg: „Meinst du denn, dass es der Reihe nach geht?“ Sie ist nur acht Jahre jünger als ich.

Diese Freundin bekommt also mein 85 Jahre altes Teegeschirr.

Meine Sachen landen nicht im Müll

testament, Schriftzug und Rose

(c) Bettina Stiller

Danach habe ich bei meinen jüngeren Freundinnen rumgefragt. Irene möchte alles bekommen, was ich geschrieben habe: Berichte über gemeinsame Reisen, Gedichte. Karen wünscht sich ein Meeresbild, das ich gemalt habe. Ich wusste gar nicht, dass sie es mag. Ute könnte meine Tochter sein; sie ist Juristin und bereit meine Nachlassverwalterin zu sein. Das und dass sie meine Gläser-Sammlung und mein uraltes Goldrandgeschirr übernehmen möchte habe ich auch aufgeschrieben.

Wie gesagt, ich habe damit begonnen mein Testament zu schreiben. Es macht mich zufrieden, wenn meine Sachen bei Freundinnen landen die sich darüber freuen, die sie wertschätzen. Aber es bleibt noch die Frage: Wer will meine Glühbirne erben?

Wie wird es sein?

Trotz des begonnenen Testaments kann ich mir nicht vorstellen zu sterben. Werde ich es merken, wenn es soweit ist? Werde ich Angst bekommen? Oder werde ich froh sein, wenn ich das Leben endlich geschafft habe?

 

Hedwig Dornis

  4 comments for “Meine Glühbirne lebt länger als ich

  1. Irene Barowski
    4. Dezember 2017 at 5:01 pm

    Wunderbar geschrieben, Hedwig!
    Ich nehme auch gern noch deine schicke Wintermütze.

  2. Barbara
    4. Dezember 2017 at 9:17 pm

    Ja, liebe Hedwig, wenn man das wüßte. Wir haben gerade einen Freund beerdigt, der schon seit einigen Jahren mit Demenz in einem Heim dahin vegetierte. Für ihn und seine Familie war der Tod eine Erlösung. Erkannt hat er seine Lieben schon lange nicht mehr.
    Da mach dir mal um deine Glühbirne keine Sorgen. War ja aber sicherlich ironisch gemeint.
    Gruß Barbara

  3. Hedwig Dornis
    4. Februar 2018 at 1:57 pm

    Ich überlebe meine Glühbirne!
    Irgendwann flackerte sie kräftig. Ich hatte die 20 Jahre alte Lampe in Verdacht. Der Elektriker fand an ihr keinen Fehler. Sondern die Glühbirne war hinüber. Von ihrer erwarteten Lebensdauer von 30 Jahren hat sie nicht einmal drei Monate geschafft. Leben und Sterben ist also Schicksal …selbst für Glühbirnen.

    • Irene Barowski
      4. März 2018 at 5:35 pm

      Liebe Hedwig,

      wie gut, einen Elektriker gleich um die Ecke zu haben, nicht wahr? Der für die Diagnose noch nicht mal ein Honorar verlangt!!
      Ich wünsche dir, dass dir noch ganz viele Male „ein Licht aufgeht!“

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