Mein achter Mai 1945

Weg im Wald

(c) Verena Schulze

Ja, es gibt mich noch und ich bin eine Zeitzeugin, die sich genauestens erinnert, alles ist wie eingebrannt und so auch nicht löschbar, dafür war es zu gravierend.

Meine Eltern, meine kleine Schwester und mich holte ja dieser Herr Hitler schon 1940 aus dem Buchenlande, früher Österreich-Ungarn, dann Rumänien. So fand im Alter von drei Jahren die erste Entwurzelung statt. Im Warthegau, nicht allzuweit von Posen, setzte dieser benannte Herr Polen aus ihrem Hause heraus und uns hinein.

Welch‘ ungeheure Erfahrung, wie haben die Eltern geweint, so hatten sie es nicht erwartet und alles übertrug sich auch auf mich. Es sollte nun nicht wirklich ein Neuanfang werden, im Januar 1945, rückte die Front immer näher, wir packten das Nötigste und wurden von meinem Großvater mit auf den Leiterwagen mit anhängender Kutsche genommen, der polnische Knecht saß auf dem Bock und lenkte die vier Pferde auf Umwegen gen Westen. Unterwegs wurde meine Mutter so krank, daß wir sie in einem Krankenhaus zurücklassen mußten. Ende Januar 1945 erreichten wir dann Krielow, ca. 40 km vor Berlin.

Zerstörtes Haus

(c) frauenseiten.bremen, Robers

Neubeginn

Ein Gasthof nahm uns gerne auf, bekam die vier Pferde und wir machten uns auch sofort nützlich, halfen, wo immer was zu tun war. Unser polnischer Knecht kam nun nicht mehr zurück, so wollte mein Großvater ihn quasi als Familienmitglied behalten, er war gerade 23 Jahre alt geworden, bis sich dann irgendwann seine Rückkehr machen ließ. Es gelang nicht, die Russen verhafteten ihn.

Ja, wir dachten, wir hätten es geschafft, bis hierher kommen die Russen nicht. Nun kommt wirklich eine unglaubliche Geschichte. Sie kamen. Wären wir nur ein Dorf weitergezogen und hätten dort um Bleibe gebeten, hätten Amerikaner das Sagen gehabt. So kann es gehen.
Unser Krielow war schon dabei, die Amerikaner als Befreier mit allem zu begrüßen, was aufzutreiben war, wir Kinder zogen zur Hauptstraße, Feldblumensträußchen in den Händen. Welcher Schreck, als sich abzeichnete, da kommen die Russen, alle nichts wie ab ins Dorf.

Sie trieben alle Menschen aus den Häusern zusammen in einen großen Dorfgemeinschaftsraum, vorher töteten sie auf dem Dorfplatz noch einen alten Mann, der dummerweise eine Pistole bei sich führte. Diese Bilder vergesse ich nie, wir mußten zusehen. Drei Tage hielten sie uns alle eingesperrt, da hatten sie auch jede Ecke in jedem Hause durchstöbert. Wir dachten schon, sie sprengen uns in die Luft und es war eine total bedrückende Stimmung in diesem Saal, eigentlich Heulen und Zähneknirschen. Plötzlich dann am Morgen des dritten Tages durften wir zurück in jeweilige Behausung. Wie es da aussah, kann man gar nicht bildhaft genug schildern.

Es folgten schlimme Wochen, meine Mutter hatten wir noch gerade vor dem Einmarsch der Russen halbgelähmt in einem Berliner Krankenhaus ausfindig gemacht und in das Dorf Krielow geholt. Jetzt galt nachts das Verstecken, jede Nacht diese Suche nach Frauen. Bin ich froh, daß ich erst acht Jahre alt war, ein Kind, alles irgendwie mitbekommend aber selber verschont. Ich muß sagen, den Kindern taten sie nichts, das paßt nicht zu der russischen Seele. Jedenfalls haben wir in unserem Dorf davon nichts erfahren.

Zaun mit Stacheldraht

(c) www.imageafter.com

Erneute Vertreibung

Eines muß ich auch noch erwähnen, als irgendwann ein Kontakt zu meinem Vater in englischer Gefangenschaft über viele Umwege zustandekam, waren sie auch bereit, uns ausreisen zu lassen, damit wir als Familie zusammenkämen. Eine Schikane machte ihnen dabei irgendwie Freude. Das, was wir tragen konnten, durften wir mitnehmen, am Dorfende hatten sie ein Grenzhäuschen, ließen uns die Straße weitergehen bis auf eine kleine Hügelkuppe, danach ging es etwas bergab und die Ausreisenden entschwanden ihren Blicken. Zuvor schossen sie einfach so in die Luft. Für mich bleibt dieses Schießen immer irgendwie im Rücken present. Das Gefühl, erschossen zu werden, hat sich eingebrannt, obwohl es nie passierte, ganz eigenartig.

Ja, und dann ging es eben in dieses Dorf Kezin, wo die Amerikaner uns empfingen, registrierten, auf Lastwagen packten und nach Friedland fahren ließen. Hier wurden wir sofort durch die Entlausungsanlage geleitet, lagen dann einige Wochen auf Strohsäcken auf den Zementböden, bis dann für uns ein Lastwagen der Engländer kam und der sich auf den Weg Richtung Flensburg machte. Hier landeten wir Anfang 1946, hierhin wurde 1948 auch mein Vater aus englischer Gefangenschaft entlassen. Wir waren wieder zusammen, durften dann 1950 ins Rheinland umgesiedelt werden. Ein Nachkriegsneuanfang wurde mühsam in Gang gesetzt.

Ja, in diesem Jahre eben Erinnerung an das Kriegsende vor 70 Jahren, für mich gleichzeitig am 13. August 2015 auch 65 Jahre Gedenken an die Umsiedlung. Aus tiefstem Herzen wünsche ich mir, daß alles getan wird, damit es nicht in Europa zu einer solchen Tragödie kommen möge, wie sie von Vielen noch Lebenden erlebt wurde. Möge der Dialog nie abreißen und Lösungen für alle anstehenden Probleme angestrebt werden. Solange man miteinander spricht, ist es immer möglich, einen Weg des Miteinander zu finden.

Elisabeth Kriechel

  1 comment for “Mein achter Mai 1945

  1. 25. Mai 2015 at 9:55 am

    Was sagt uns dieser Bericht: Ein Krieg ist immer schrecklich, auch wenn die Menschen überleben. Und deswegen ist es besser, wenn alles – wirklich a l l e s – getan wird ihn zu vermeiden. Jede Diplomatie, und sei sie noch so teuer, ist besser und zudem noch billiger als jeder Krieg.

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