Heute nochmal zwanzig sein?

Kiste mit leeren Bierflaschen

(c) frauenseiten.bremen, Robers

Um die Menschen zu verstehen, muss man ihre Jugend kennen. (Joseph Stanislaw Zauper, Lehrer, 1784-1850)

Im Januar las ich im Weser-Kurier, dass in vielen Bundesländern immer mehr Drogen an den Schulen konsumiert werden. Beteiligt sind im Wesentlichen Jugendliche im Alter 14plus. Die Angebotspalette ist groß und reicht von Canabis über chemische Keulen wie Christal Meth bis zum Alkohol. Während sich die Schülerschaft bedient, spielen Lehrer und Hausmeister noch keine große Rolle am Tatort Schule. Der zweite Teil dieser Meldung wirkt beruhigend. Ansonsten darf man wohl davon ausgehen, dass sich die Situation zuspitzt und auch in Bremen der Drogenkonsum bei Jugendlichen zunimmt.

Was wird als Ursache genannt? Die Verharmlosung von Cannabis als Spaß- und Lifestyle-Produkte, die Verfügbarkeit über das Internet und Darknet, uneffektive Präventionsmaßnahmen in Schule und Familie und zu wenige Kontrollmechanismen. Mit keinem Wort wird mal gefragt, ob nicht vielleicht unsere gesellschaftliche Realität, unsere Vorstellungen von Lebensgestaltung, unser gar so liberaler Umgang mit zwischenmenschlichen Beziehungen, unsere Wachstumsideologie mit ihren Leistungsanforderungen, aber auch mit ihren Unwägbarkeiten eine viel schwerwiegendere Rolle beim Anstieg des Drogenkonsums spielen.

Im Sauseschritt für das Leben lernen?

Steile Leiter

(c) C.Schütte

Wie sang Willy Schneider 1969? „Man müsste noch mal 20 sein und so verliebt wie damals…“ Müsste ich lieber nicht, denke ich heute als Senior. Und das liegt nicht an der Liebe, sondern daran, dass man heute dafür eigentlich keine rechte Zeit mehr hat. Wir hatten noch Zeit, und trotzdem ist aus uns in der Regel etwas Ordentliches geworden. Heute muss alles möglichst schnell gehen. Nach der Grundschule nur noch 8 Schuljahre Zeit, um die Stoffhuberei, die wir eigentlich in den 70er Jahren abschaffen wollten, zu bewältigen.

Überfüllte Klassen und Kurse, nicht nur von Schülern, auch von Eltern genervte Lehrkräfte und später in der Universität oder in der Ausbildung geht es im Sauseschritt so weiter. Wir kannten noch den Spruch: „Nicht für die Schule lernen wir, sondern für das Leben“, und unter Leben durfte mehr als nur der Beruf verstanden werden. Heute müsste es heißen: „Nicht für Schule und Leben lernen wir, sondern für das perfekte Funktionieren im Wirtschaftssystem“.

Nach der Schule setzt sich dieser Lern- und Prüfungsstress durch die Bologna-Reform in den Hochschulen oder durch die Höchstforderungen in anderen Ausbildungswegen fort. Dabei bleibt viel Privates, auch der Erwerb von Allgemeinwissen, auf der Strecke. Hinzu kommt noch aus sozialen und/oder finanziellen Gründen der Lern- und Leistungsdruck durch die Eltern. Das Ganze ist eingebettet in bürokratische Kakteenbeete. Ich glaube, ich käme unter diesen Umständen als Jugendlicher auch auf die Idee, mich ab und zu aus dieser grausigen Jugendrealität in die Traumwelt der Drogen zu flüchten. Aber da ist noch etwas.

Es geht um unsere Enkelkinder

Schienen

(c) frauenseiten; Greta Jebens

Es wird ständig nach besserer Bildung gerufen. Aber was nutzt diese, wenn vergessen wird, dass durch Automatisierung und Rationalisierung Arbeitsplätze verloren gehen und neue nicht entsprechend geschaffen werden. Wieviele studierte Taxifahrer, Niedriglohnfacharbeiter und gut ausgebildete Arbeitslose gibt es? Das erfahren auch die Jugendlichen, und häufig herrschen Perspektivlosigkeit und Zukunftsängste. Und dann hören sie noch den dummen Spruch: „Wer will, der kann bei uns etwas erreichen“, obgleich es oft selbst an einem Hauch von Chancengleichheit mangelt. Da kann sich schon Drogenkonsum und auch Gewalt ausbreiten.Hat schon mal jemand danach gefragt, wie viele Menschen sich heute ausgegliedert und überfordert fühlen? Übrigens: Für den Beruf des Psychotherapeuten dürfte sich das Studium noch lohnen.

Fazit: Für mich und viele meiner Generation war die Jugend trotz der Nachkriegsverhältnisse eine erbauliche Lebensphase. Wer sich das heute wünscht, braucht wohl eine ungeheure Portion Glück. Das gibt’s, aber viel zu selten. Wir Alten sollten diesem Treiben nicht still zusehen und es schon gar nicht unterstützen. Es geht um unsere Enkelkinder. Wir sollten häufiger darüber nachdenken und diskutieren, wie wir uns unsere zukünftige Gesellschaft vorstellen und die Parteien antreiben, desgleichen zu tun. Das Einbringen unserer Lebenserfahrungen und die Mitgestaltung an der Zukunft zählen auch zur Seniorenpolitik.

Gerd Feller

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