Weihnachtsmilch

Mein schönster Weihnachtsschmuck ist eine alte zerbeulte Milchkanne aus Weißblech. Sie hat jedes Jahr einen festen Platz unter meinem Weihnachtsbaum.

Cover mit zwei lesenden Kindern

Cover „Unvergessliche Weihnachten“ B. 11 (c) Zeitgut Verlag

Denn die Kanne hat eine Geschichte. Die ereignete sich einige Monate nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in der Gemeinde Heinersreuth im Landkreis Bayreuth. Mein Vater war damals acht Jahre alt, er hat sie mir vor ein paar Jahren erzählt:
Kurz vor Weihnachten 1945 bekam meine Oma Anna unerwarteten Besuch von einer verzweifelten Frau. Als sie die Tür öffnete, stand mein Vater neugierig hinter ihr und wollte wissen, was da los sei. Mal schaute er rechts, mal links hinter seiner Mutter hervor, wie es Kinder eben machen. Die Besucherin konnte nicht aus Heinersreuth sein. Mein Vater erkannte es daran, daß sie meine Oma siezte, die Einheimischen sagten damals fast alle du zueinander.

Die Frau mußte eine von den vielen Flüchtlingen sein, die im Laufe des Jahres ins Dorf gekommen waren. Sie war sehr mager, die streng nach hinten gekämmten und in einen Knoten gebundenen Haare machten ihr Gesicht noch schmaler. Das abgewetzte, verwaschene Kleid schien ihr viel zu groß, sie wirkte erschöpft. Der gesenkte Kopf verriet, daß ihr der Besuch offensichtlich unangenehm war.

Ohne sich vorzustellen, berichtete sie, daß ihre kleine Tochter durch Unterernährung und von den Folgen der monatelangen Flucht sehr krank sei und auch nicht mehr gehen könne. Der Dorfarzt hatte ihr gesagt, es gäbe nur eine Möglichkeit zur Gesundung: Täglich ein großes Glas Ziegenmilch könne Heilung bringen. Diese Milch sei ein wahres Wundermittel, allerdings nur über einen langen Zeitraum eingenommen; wenige Wochen würden fast nichts bringen. Was sie dann sagte, hat mein Vater bis heute nicht vergessen:
„Man hat mir gesagt, Sie besitzen ein paar Ziegen. Ich weiß, daß Sie vier Kinder haben und Ihr Mann bis heute nicht aus dem Krieg zurückgekommen ist. Aber bei fünf Familien, die ebenfalls Ziegen halten, war ich bereits vergeblich. Alle besitzen mehr als Sie, doch sie haben mich weggeschickt. Jetzt sind Sie meine letzte Hoffnung. Bitte, helfen Sie uns!“

Milchkanne

Die alte zerbeulte Milchkanne aus Weißblech, mit der die Flüchtlingsfrau die Ziegenmilch für ihre Tochter holte. (Foto: Zeitgut Verlag/Christian Metzner)

Nicht der Rede wert

Meinem Vater war klar, daß seine Mutter, meine Oma Anna, sofort einwilligen würde. Etwas anderes wäre für sie gar nicht in Frage gekommen. Allein schon der Gedanke, die Frau und ihre kleine Tochter im Stich zu lassen, war undenkbar. So kam es auch. Meine Oma versprach der armen Frau ein tägliches großes Glas Milch für ihr Kind. Und das so lange wie nötig, seien es nun Wochen, Monate oder Jahre. Sie brauche auch nichts dafür zu bezahlen. Mein Vater hat über die vielen Jahre noch den genauen Wortlaut im Kopf:
„Sie können gerne jeden Morgen kommen, dann gebe ich Ihnen so viel Ziegenmilch, wie Sie brauchen. Wenn ich nicht im Haus bin, dann finden Sie mich nebenan im Stall oder gegenüber bei der Nachbarin.“

Die Flüchtlingsfrau war freudig überrascht: „Wir haben auf der langen Flucht sehr viel durchgemacht. Die einen oder anderen Leute haben uns geholfen, sonst wären wir hier nie angekommen. Aber mit so viel Freundlichkeit hat uns noch niemand unterstützt. Warum tun Sie das für uns? Sie haben doch selber so wenig und Ihre vier Kinder brauchen sicher auch Milch. Wir sind Fremde, Sie kennen uns doch gar nicht.“
„Ach, nicht der Rede wert“, wehrte Oma ab, „denken Sie sich bloß nichts dabei. Sie haben mit Ihrer Tochter die Flucht überlebt, und ich habe mit meinen Kindern die Bombenangriffe und die Tiefflieger überlebt. Jetzt müssen wir dafür sorgen, daß wir auch die Nachkriegszeit alle zusammen überstehen. Es kommen auch wieder bessere Zeiten, bis dahin kommen Sie hierher.“

Die Frau versuchte zu lächeln, aber es schien ihr nicht zu gelingen. Sie sah dankbar, aber auch ein wenig ungläubig drein. Offensichtlich hatte sie selbst nicht mehr an Hilfe geglaubt und konnte es noch gar nicht fassen, daß sie dieses Mal nicht abgewiesen wurde. Vom Fenster aus hatte mein Vater beobachtet, daß sie nach dem Abschied noch mehrere Minuten reglos dagestanden und gedankenverloren auf das Haus gestarrt hatte.

Eine Frau vor einem Haus (schw/weiß)

Oma Anna steht 1946 vor ihrem Haus in Heinersreuth, Oberfranken. (Foto: Zeitgut Verlag/Christian Metzner)

Das tägliche Ritual mit der Milchkanne

Jeden Tag kam sie nun – immer zur gleichen Zeit, etwa um zehn Uhr morgens – in ihrem abgetragenen Kleid, die Milchkanne in der Hand. Es war immer dieselbe, schon damals alte Weißblechkanne meiner Oma mit einem Holzgriff, nie ein anderes Gefäß. Hatte sie die Milch erhalten, verabschiedete sie sich jedesmal mit unverkennbar ostpreußischem Akzent: „Recht herzlichen Dank auch.“ Und meine Oma Anna erwiderte immer: „Schon recht.“ Tag für Tag das gleiche Ritual. Das ging ein Jahr so.

Dann kam Weihnachten 1946. Wenige Tage vor Heiligabend erschien die Frau in Begleitung ihrer kleinen Tochter. Meine Oma hatte das Kind bislang nie gesehen. Die Kleine war etwa fünf Jahre alt, konnte gehen und machte einen sehr fröhlichen Eindruck. Sie war wieder gesund! Ein richtig süßer Knopf mit braunen Augen, aufgewecktem Blick und langen Haaren, hüpfte sie auf und ab, um meiner Oma zu zeigen, wie gut es ihr wieder ging. Nur ihre Mutter wirkte bedrückt. Dabei hätte sie doch glücklich sein müssen nach der Genesung ihrer Kleinen!

Das Geschenk

Meine Oma wollte natürlich diesem Widerspruch auf den Grund gehen und fragte, warum die Mutter so betrübt dreinschaue. Und nun kam es heraus: Die Frau bedrückte, sich meiner Oma für ihre Hilfe nicht erkenntlich zeigen zu können. Wie gern hätte sie zum Dank wenigstens ein Weihnachtsgeschenk überreicht. Aber durch Krieg, Vertreibung und Flucht hatten sie alles verloren – alles, bis auf ihr Leben und die Kleider, die sie damals anhatten. Während sie das stockend hervorbrachte, strich sie mit beiden Händen über ihren Rock. Meine Oma aber strahlte! Ihr Gesicht stand im vollkommenen Gegensatz zu der ernsten Miene der Frau, die mit leeren Händen vor ihr stand. Beschämt und verunsichert fragte sie nach dem Grund für Omas Freude.

Weihnachtsbaum

Quelle: Schnatmeyer

„Ja, wissen Sie es denn nicht? Wissen Sie es denn wirklich nicht?“, rief Oma.
Die Frau war mit dieser Frage offensichtlich überfordert. Da wurde meine Oma so herzlich wie sonst nie zu fremden Kindern. Sie beugte sich hinunter und umarmte das kleine Mädchen, küßte es auf die Stirn und sagte zu seiner Mutter: „Sie ist wieder gesund und sie kann wieder gehen. Ja, was will ich denn mehr? Das ist doch das schönste Weihnachtsgeschenk, das ich jemals bekommen habe!“ Der Frau standen Tränen der Rührung in den Augen.

Die zerbeulte alte Weißblechkanne aber, die nun zu meiner Weihnachtsdekoration gehört, steht symbolisch für das schönste Weihnachtsgeschenk, das meine Oma jemals bekommen hat. Jedesmal, wenn ich auf die Kanne blicke, muß ich an diese Geschichte denken, an die Frau und an das kleine Mädchen, das wieder gesund wurde.
Manchmal frage ich mich, was wohl aus der Kleinen geworden ist und wo sie heute Weihnachten feiert?

Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Zeitgut Verlag, Berlin

Bibliographische Daten:

Unvergessene Weihnachten. Band 11
27 besinnliche und heitere Zeitzeugen-Erinnerungen. 192 Seiten, viele Abbildungen, Ortsregister.
Zeitgut Verlag, Berlin.
Bestellen unter: Tel. 030 70 20 93 0 info@zeitgut.de; www.zeitgut.de
Taschenbuch, ISBN: 978-3-86614-254-1, EURO 5,90
Gebunden, ISBN: 978-3-86614-253-4, EURO 7,90

  1 comment for “Weihnachtsmilch

  1. Elvira
    8. Dezember 2015 at 4:31 pm

    Eine wunderschöne Geschichte! Zu den Menschen zweiter Klasse gehörten damals ja nicht nur die Flüchtlinge, sondern auch immer noch „Nicht-Arier“ (Juden oder Farbige, wenn sie denn den Terror überlebt haben). Ich habe gerade „Die Bertinis“ und „Neger, Neger, Schornsteinfeger“ gelesen: grauslige Zeiten!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.