Drei Hundeleben und ein Nachtgedanke

Mann mit Hund auf einer Wiese

(c) Elfie Siegel

Morgens: Ich radle zum Einkaufen in die Stadt und vorbei an einer ungewöhnlichen Szene. Meine Augen bleiben an den langen Läufen eines Hundes hängen. Alle Vier ragen in die Luft. Das Tier reckt seine weißen Pfoten über den schwarzen Beinen weit in das seichte Graublau des Großstadthimmels. Sanft dreht es sich, streichelt auf dem grauen Gehwegpflaster seinen Rücken. Seine schwarzfelligen Schulterblätter schmiegen sich an den harten Grund. Der Hund wiegt sich von einer zur anderen Seite. Sein Rückgrad windet sich wie eine Schlange. Dann entflieht seinen Mehlpfoten die Spannung. Sie hängen sanft an den langsam einknickenden Beinen herab, sinken auf den Boden. Sein Körper ruht entspannt. Unter ihm, auf dem Gehwegpflaster vor Karstadt, wird eine schmale, lumpige Decke sichtbar. Neben ihm wacht ein Mann mit Hut. Der Mann sitzt, der Hut vor ihm steht, bittend gähnt dessen Öffnung zum Himmel. Ich radle vorüber, betrachte die Lebensfreude des Hundes, freue mich an ihr. Dann hebe ich die Augen etwas, sie treffen die des Mannes. Sie lächeln mir zu, ganz liebevoll glänzen sie. Der Mann ist beseelt von unserer Gemeinsamkeit: die Freude über das Lebensglück des Hundes in diesem Moment. Nichts steht zwischen uns, kein Hut, der um Geld bittet, keine demütige Dankbarkeit des Bettlers, wenn die Münze klingt. Ein Moment des Verstehens. So schnell vorüber, wie mein Rad rollt.

Schwarzer Hund

(c) frauenseiten, Sahiner

Mittags: Ich habe meine Einkäufe erledigt und gönne mir ein Fischbrötchen. Vor dem Schnellrestaurant stehen ein paar Tische mit gemütlichen Stühlen davor. In einen davon sinke ich und beiße in mein Fastfood. Am Nebentisch hockt Willi unter dem Stuhl seines Frauchens. Das ruft den langbehaarten Yorkshireterrier immer wieder zur Ordnung. Schnell bekomme ich dessen Namen mit. Jetzt ist er außer Rand und Band. Über den Platz wird ein anderer Hund an kurzer Leine geführt. Willi will zu ihm. Er reißt an seiner Leine, die ist flexibel und verlängert sich auf vielleicht vier Meter. Nicht lang genug, um den Artgenossen zu erreichen. Der wurde inzwischen weitergezogen. Willi ist enttäuscht und sucht sich eine neue Beschäftigung. Mein Bein kommt ihm da gerade recht. Er beschnuppert es zu meinem Unmut. Zudem verkeilt sich seine Leine unter den Reifen meines neben mir geparkten Fahrrads. Das kippt durch den Zug fast um. Nun greift Frauchen ein, Willi muss auf den Arm, die Leine wird unter dem Reifen hervorgezerrt. Ich bekomme ein Lächeln und die Erklärung, dass der Kleine das Rad gar nicht bemerkt habe. „Es ist ja nichts passiert“, lenke ich ein und zerkaue entnervt den letzten Bissen des Fischbrötchens.

Frau mit zwei Hunden

(c) frauenseiten, Sahiner

Abends: Ich radle zum Konzert der Philharmoniker, das letzte in dieser Abo-Saison. Wie immer bin ich zu früh angekommen. Bis zum Beginn vertreibe ich mir die Zeit mit Spazierschritten auf dem Gehweg. Vor der Eingangstür hockt ganz allein ein kleiner schwarz-weißer Hund. Ein zerschlissenes Schmucktuch ist an sein Halsband geknüpft, eine Leine ebenso, sie liegt neben ihm. Ich frage ihn: „Wohin gehörst du denn, Hündchen?“ Er weicht meinem Blick aus, sendet seinen suchend über den Platz. Er wartet auf jemand, sage ich mir. Aber nicht auf einen Konzertbesucher, überlege ich weiter, dagegen spricht der dunkelrosa Stofffetzen an seinem Hals. Er wird es schon wissen, beruhige ich mich und schreite musikerwartungsfroh vor der Tür auf und ab, fange dabei ein paar Wortfetzen auf: „Denkt an die Flasche Korn!“ Auf dem Pflaster vor der Konzertsaalmauer sitzt eine Frau. Ihr Kopf ist von einem dunkelrosa Tuch umhüllt. Ihr Gesicht kann ich nicht erkennen. Sie blickt zu Boden. Nicht weit entfernt streichen zwei junge Menschen davon. Ihnen hatte sie ihren Appell nachgerufen. Die Beiden drehen sich nicht einmal um. Als ich nach dem Konzert musikdurchdrungen zurück an die frische Luft trete, hat sich die Frau inzwischen vor der Ausgangstür platziert. Sie wartet auf Warmherzigkeit. Neben ihr ruht der kleine Hund mit dem rosa Stofffetzen am Halsband. Mein gerade noch musikgeweitetes Herz schnürt sich zusammen. Ob sie jetzt die Flasche Korn besitzt? Das Fragezeichen bleibt in der lauen Abendluft stehen.

Nachts: Wieder denke ich an die drei Hunde und die Menschen, die zu ihnen gehören. Ich notiere die Szenen und nenne sie: Glücksmoment im Großstadtgrau. Willi will’s wissen. Auf den Korn gekommen. Die drei Menschen stimmen mich melancholisch. Doch sie sind nicht glücklos, willenlos, hilflos, beruhige ich mich beim Einschlafen. Sie haben ihre Hunde.

Eleonore Born

  1 comment for “Drei Hundeleben und ein Nachtgedanke

  1. 28. Juni 2015 at 12:00 pm

    Eigentlich mag ich die Hundekultur in unserer Gesellschaft nicht. Es gibt immer mehr Leute mit Hund. Aber so beschrieben wirft dieser Artikel eher ein Licht auf die Besitzer und ihre Nöte. Und: Obwohl mich die vielen Hunde oft stören, finde ich es immer unsensibel, wenn die Besitzer ihren Tieren nicht gestatten, ihre „Kollegen“ unterwegs angemessen zu begrüßen, also zu beschnuppern oder sogar etwas umeinander zu tollen.

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