Corona-App, Interview mit Dr. Herbert Kubicek*

(c)Dirk Mittermeier

Motivation zur Nutzung der Corona App, “Die Corona App ist wie eine virtuelle Maske“

Herr Kubicek, Sie gehören mit 73 Jahren zur Hochrisiko Gruppe und Sie sind Datenschutzbeauftragter eines Instituts an der Universität Bremen. Werden Sie die Corona App installieren? 

K: Ja mit Sicherheit und zur Sicherheit. Ich trage jedes Mal wenn ich das Haus verlasse einen Mund-Nasenschutz. Ich gehe allerdings seltener raus und meide, wie viele, Kontakte, gehe auf Distanz, weil jeder andere ein potenzielles Infektionsrisiko ist. Die Corina App kann dieses Risiko mindern, mir wieder etwas mehr Sicher5heit geben. Sie ist für mich eine zweite, virtuelle Maske.

Wieso?

Die Maske schützt ja mich nicht direkt, sondern schützt andere falls ich unbemerkt infiziert sein sollte. Das kann die App auch. Aber wie bei der Maske: um so besser je mehr mitmachen.

Und Sie haben keine Datenschutzbedenken?

Nein. Die Bundesregierung hat sich nicht zuletzt aufgrund  eines öffentlichen Drucks für die dezentrale Speicherung der Kontaktdaten entschieden und die programmierte Kommunikation zwischen den Geräten ist so, dass keine amtliche Stelle unmittelbaren Zugriff auf diese Daten hat. Als Informatiker glaube ich das. Und Hacker werden das mit Sicherheit prüfen und Alarm schlagen, falls es anders sein sollte. Aber: Mit dieser Grundsatzentscheidung wurde uns allen eine hohe Verantwortung übertragen, die in dem Wort „freiwillig“ leider nicht zum Ausdruck kommt.  Wenn sich nun viele auf ihr Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung berufen und die App nicht installieren, bedrohen sie das Grundrecht anderer auf körperliche Unversehrtheit und das öffentliche Interesse an einer Eindämmung der Epidemie. Man kann auch sagen, diese Freiwilligkeit muss in Solidarität wahrgenommen, abgewogen und ausgeübt werden. Wer sich vor diesem Hintergrund gegen die App entscheidet, erhöht das Risiko einer zweiten Infektionswelle, bei der dann andere Regeln gelten werden.

Wieso?

Auch wenn über die App keine Standortdaten ermittelt werden können, so hat doch jeder Provider von allen Geräten die Standortdaten mit Rufnummer. Im Falle einer zweiten Ausbruchswelle werden die Gesundheitsämter diese Daten von den Providern bekommen, um zu ermitteln, wer sich in den vergangenen Tagen an einem Hot Spot aufgehalten hat. Dann überwiegt das Öffentliche Interesse und es handelt sich um eine erforderliche Maßnahme im Sinne des Seuchenschutzes, die nach einer Güterabwägung Vorrang vor dem informationellen Selbstbestimmungsrecht des Einzelnen hat.

Was ist zu tun, um das zu vermeiden?

Wir haben es mit einer Innovation mit systemischem Charakter zu tun. In der Innovationsforschung spricht man von Netzwerkeffekten, d.h. der Nutzen für jeden einzelnen ist um so größer, je mehr mitmachen. Solche Innovationen verlaufen in Phasen. Sie beginnen mit den sogenannten Early Adopters. Einige 100.000 Menschen werden sofort diese App installieren. Dann kommt es darauf an, wie diese sich erhalten und wie darüber berichtet wird. Wenn jeder Nutzer seinen Verwandten und Bekannten zeigt, dass er die App hat und mit dem Vergleich mit den Masken und dem Argument der Solidarität dafür wirbt, steigt die Verbreitungskurve schnell an. Parallel muss natürlich eine entsprechende Informationskampagne erfolgen. Und die vielen Mittler in der Sozial- und Gesundheitsarbeit müssen entsprechende Argumentationshilfen bekommen.

Ist das also vor allem ein Informationsproblem?

Ja, aber nicht nur. Wir wissen von unseren Projekten mit Seniorinnen und Senioren, dass ein Teil kein Smartphone hat. Da muss etwas geschehen, was nicht von heute auf morgen gelingt. Aber es gibt auch viele, die ein Smarthone haben, damit nur telefonieren und noch nie eine App aus dem Internet heruntergeladen haben.  Sie muss man nicht nur motivieren, dass sie sie haben wollen, sondern jemand muss sie auf ihren Geräten auch installieren. Und ich hoffe auf einheitliche und leicht verständliche Anleitungen, was man denn tun soll, wenn man – was hoffentlich nur selten geschieht – die Mitteilung bekommt, dass man sich   längere Zeit in der Nähe einer infizierten Person aufgehalten hat und sich testen lassen soll. Was soll man genau tun, an wen soll man sich wenden, wer bezahlt die Tests usw.? Aber entscheidend ist, dass alle erkennen: Je schneller und steiler die Verbreitungskurve der App und der beabsichtigten Nutzung steigt, um so schneller und stärkt sinkt die Kurve der Neuinfektionen.

*Dr. Herbert Kubicek ist Mitbegründer und Vorstand der Stiftung Digitale Chancen, pensionierter Professor für Angewandte Informatik an der Universität Bremen und arbeitet als Senior Researcher am Institut für Informationsmanagement Bremen

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