Afghanistan, ein Beitrag zur Diskussion

Theodor Fontane (1819 – 1898)

Das Trauerspiel von Afghanistan

Der Schnee leis stäubend vom Himmel fällt,
Ein Reiter vor Dschellalabad hält,
»Wer da!« – »Ein britischer Reitersmann,
Bringe Botschaft aus Afghanistan.
« Afghanistan! Er sprach es so matt;
Es umdrängt den Reiter die halbe Stadt,
Sir Robert Sale, der Kommandant,
Hebt ihn vom Rosse mit eigener Hand.
Sie führen ins steinerne Wachthaus ihn,
Sie setzen ihn nieder an den Kamin,
Wie wärmt ihn das Feuer, wie labt ihn das Licht,
Er atmet hoch auf und dankt und spricht:
»Wir waren dreizehntausend Mann,
Von Kabul unser Zug begann,
Soldaten, Führer, Weib und Kind,
Erstarrt, erschlagen, verraten sind.
Zersprengt ist unser ganzes Heer,
Was lebt, irrt draußen in Nacht umher,
Mir hat ein Gott die Rettung gegönnt,
Seht zu, ob den Rest ihr retten könnt.«
Sir Robert stieg auf den Festungswall,
Offiziere, Soldaten folgten ihm all‘,
Sir Robert sprach: »Der Schnee fällt dicht,
Die uns suchen, sie können uns finden nicht.
Sie irren wie Blinde und sind uns so nah,
So laßt sie’s hören, daß wir da,
Stimmt an ein Lied von Heimat und Haus,
Trompeter blast in die Nacht hinaus!«
Da huben sie an und sie wurden’s nicht müd‘,
Durch die Nacht hin klang es Lied um Lied,
Erst englische Lieder mit fröhlichem Klang,
Dann Hochlandslieder wie Klagegesang.
Sie bliesen die Nacht und über den Tag,
Laut, wie nur die Liebe rufen mag,
Sie bliesen – es kam die zweite Nacht,
Umsonst, daß ihr ruft, umsonst, daß ihr wacht.
Die hören sollen, sie hören nicht mehr,
vernichtet ist das ganze Heer,
Mit dreizehntausend der Zug begann,
Einer kam heim aus Afghanistan.
Theodor Fontane ist bekannt als Deutscher Dichter, der aktuelle Themen und Geschehen seiner Zeit literarisch aufnahm
in Form von Briefen, Romanen, Erzählungen und Gedichten.
Weniger bekannt, aber auf Grund der Ereignisse jetzt in Afghanistan aktuell, ist in Form einer klassischen Ballade (1839) „Das Trauerspiel von Afghanistan“. Er selbst hat viele Reisen in den Orient unternommen und schrieb Reiseliteratur als Reisen noch ein Privileg war. Er war ein Kritiker der Kolonialpolitik. Dem strategisch und geopolitsch interessant gelegenen Afghanistan wurden schon Anfang des 19. Jahrhunderts Kriege aufgezwungen und das Land geriet bereits vor 150 Jahren in den Brennpunkt der Weltpolitik.
Den russischen Zaren zog es über Afghanistan machtpolitisch nach Indien. Es ging immer um Handelswege, die Erschließung riesiger Rohstoffvorkommen, Transportwege und Pipelines die durch Afghanistan führten.
Die Briten wollten Russland von Afghanistan fernhalten, sie marschierten in Kabul 1839 ein.
Von der katastrophalen Niederlage der Engländer im anglo-afghanischen Krieg, dem „Trauerspiel“ am Hindukusch erzählt Fontane, der auch als Journalist tätig war. Die Briten okkupierten das Land um die Vormachtstellung in Zentralasien auszubauen und die Macht „Persiens“ und Russlands geopolitisch in dem Gebiet einzuengen, ein Versuch Afghanistan unter britische Kontrolle zu bringen. „Als einziger Europäer schaffte es der Militärarzt „William Brydon (in Fontanes Text „Sir Robert Sale) bis Dschakalalabad in Richtung Pakistan“.Die Briten liefen den Afghanen bei ihrem Durchzug durch die Khurd – Schlucht in die Falle“. Davon erzählt Fontane.
Den Russen ging es in der Realität nicht anders, auch die Sowjetischen Truppen haben sich „die Zähne ausgebissen“. In der Neuzeit hat Afghanistan 10 Jahre russische Besatzung erlebt, während die USA die Mudschaheddin (Vorgänger der Taliban) logistisch und militärisch gegen die sowjetischen Besatzer unterstützt und stark gemacht haben. Seit 2001 ist die USA im Kampf gegen den Terrorismus in Afghanistan. Die Deutschen verteidigten „in uneingeschränkter Solidarität “ und Abhängigkeit innerhalb des Transatlantischen Bündnisses „die Sicherheit Deutschlands am Hindukusch“
Jetzt zogen die USA ihre Truppen ab. Nach 20 Jahren hat aktuell in einer „Nacht-und-Nebel-Aktion“ Deutschland Afghanistan verlassen und Land und Leute den Taliban überlassen, einer „zurückgebliebenen Stammesgesellschaft“, die an die Zivilisation und Demokratie gebracht werden sollte. Zurück bleiben viele Tote, Menschen die für die Westmächte gearbeitet haben und von den neuen Machthaben verfolgt werden, eine Niederlage auf der ganzen Linie.
Andere mögen entscheiden wie sinnvoll oder umsonst alles war – in jedem Fall aber war es koloniale Überheblichkeit und Arroganz, sowohl politisch, militärisch und diplomatisch, die in diese Tragödie führten
 
Bleibt Fontanes Ballade weiter aktuell ?
                     
  Barbara Matuschewski

  5 comments for “Afghanistan, ein Beitrag zur Diskussion

  1. Waltraut Boschen ( Onnen ) sagt:

    Das ,liebe Barbara Matuschewski , möchte sich keiner vorstellen , und wenn man sich heute noch einmal das Gedicht von dem Schauspieler Otto Sander , vorgelesen , anhört , das er am 08.11.2001 , im Fernsehen las , dann läuft es einem immer noch kalt den Rücken runter , danke für Ihren Beitrag der “ Erinnerung “ , danke ! W. Boschen

  2. Kira sagt:

    Weder die Russen (1979)
    noch die USA,
    noch die Briten selbst
    haben aus diesem Desaster der Briten
    im 19. Jahrhundert gelernt.
    Haben wir Deutschen aus der Geschichte gelernt ?

    • Waltraut Boschen ( Onnen sagt:

      Das ist eine heikle Frage , Kira , denn wie es jetzt in Afghanistan aussieht ,können sich weder die USA , noch Deutschland ,
      noch andere Europäische Länder vollkommen heraushalten , denn das jetzige Regime dort bedarf jeder Beobachtung .
      Gelder werden wieder fließen müssen , damit Menschen nicht verhungern , denn die “ Regierung “ dort ist nicht in der Lage vorerst eine normale Situation zu schaffen , geschweige denn , überhaupt wieder eine funktionierende Infrastruktur zu schaffen , von Menschenrechten ganz abgesehen .Fontanes Gedicht sähe heute anders aus , könnte er es unserer jetzigen Zeit anpassen .Ich stelle diesen Deutschen Dichter gerne auch in Frage , seine Gesinnung den Juden gegenüber war damals schon äußerst fragwürdig , um nicht zu sagen , antisemitisch..Und der Kolonialismus hat bisher jedem Land auf dieser Erde geschadet .meint Waltraut

    • Waltraut Boschen ( Onnen sagt:

      Hallo , Kira , ich muss mit Bedauern feststellen , dass sich die meisten Menschen gar nicht mehr mit “ unserer Geschichte “ beschäftigen wollen , obwohl vieles noch hinterfragt werden müsste , eine wirkliche Aufarbeitung , so ,wie sie hätte stattfinden müssen , gar nicht stattgefunden hat .Dabei wäre es so wichtig , gerade darüber mit den Jugendlichen von heute zu diskutieren , die schließlich einen Teil unserer unheilvollen Geschichte mittragen .Miteinander drüber reden , Fragen verantwortlich beantworten , auch Kritik ertragen können , das würde helfen mehr zu verstehen , denn auch unsere Generation, wir betagten Senioren , können unsere Geschichte nicht ignorieren .Wir alle tragen aber die Verantwortung , dass sich nicht wiederholt , was uns heute wieder schaden würde ; drum wehret den Anfängen ! Waltraut

  3. Barbara Matuschewski sagt:

    Eine interessante politische Diskussion :
    ich denke, dass nur diplomatische Kontakte auf Augenhöhe und ohne Hybris – als Voraussetzung – und humanitäre Hilfen einen Einfluss auf die innenpolitische Entwicklung Afghanistans nehmen kann.

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