Grünschnäbel mit alten Hasen zusammenbringen

c/Marya Volk-unsplash

Junge Menschen oft ohne Gärtnerwissen sehnen sich z.Zt. vergeblich nach einer schönen Parzelle – erfahrene Parzellistinnen und Parzellisten reißen z.B. Stachelbeerbüsche aus und lassen gesunde Obstbäume fällen, weil sie die Arbeit im geliebten Garten nicht mehr bewältigen können.

Hier setzt eine Idee des „Ernährungsrat Bremen und umzu i.G.“ an, die Mut und Vertrauen säen möchte, um diese Menschen zusammen zu bringen. Fundiertes Wissen tauschen gegen Mithilfe. Gemeinsam gießen und genießen. Bei Gefallen: Absicherung durch vertragliche Einigung mit dem Vereinsvorstand und miteinander.

Wir wollen Möglichkeiten aufzeigen, wie „Mehrgenerationen-Parzellen“ gelingen können.

Abschied fällt schwer

Wenn erfahrene Kleingärtnerinnen und Kleingärtner in die Jahre kommen oder ihnen die Arbeit schwerer fällt, neigen manche dazu den Nutzgarten abzuschaffen, die Obstbäume wegen des hohen Pflegeaufwandes gar fällen und den liebevoll angelegten Naturteich unter Zierrasen verschwinden zu lassen. Beste Erträge und große Artenvielfalt, vielleicht alte Obst- und Gemüsesorten verschwinden, weil kein Ausweg gesehen wird. Der Garten macht noch Freude, aber die Arbeit wird zunehmend anstrengend.

Große Nachfrage

Gleichzeitig gibt es immer mehr junge Menschen, die in Bremen auf enorm langen Wartelisten stehen, weil sie sich einen schönen Kleingarten wünschen. Derzeit müssen sie sehr lange warten, bis eine Parzelle frei wird und dann krempeln sie die Ärmel hoch, um all die liegengebliebene Arbeit wieder aufzuholen oder überhaupt erstmal wieder Bereiche für Obst und Gemüse anzulegen. Die Fachberater:innen in den Vereinen können beobachten, dass dann oft grundlegendes Gartenbauwissen fehlt. Da werden die Möhren nicht „verzogen“ oder die endgültige Wuchsgröße eines Kirschbaumes völlig falsch eingeschätzt.

Sanfter Übergang

Das kann vermieden werden, wenn ein sanfter Übergang gewählt wird. Die „Gartenoldies“ können verraten, wo all die Jahre die Schneeglöckchen im Winter ihre Köpfe aus der Erde gesteckt haben. Jung und Alt können sich zusammentun, um eine gemeinsame Zeit des gärtnerischen Wissensaustauschs und der gemeinsamen Unterstützung zu erleben. Für die einen ist vielleicht eine Zeit von einem Jahr passend, weil dann alle Vegetationsphasen durchlebt sind, für andere wird eine jahrelange Kooperation daraus. Im besten Fall sind die „Grünschnäbel“ dadurch bestens mit Wissen versorgt und können die Verantwortung irgendwann ganz übernehmen, und die betagten Parzellist:innen mögen den Garten in gute, ihnen sehr vertraute Hände abgeben.

Vorbehalte abbauen

Für Grünschnäbel wie alte Hasen ist dabei der Anfang nicht immer einfach. Die einen brauchen Fingerspitzengefühl um die alten Hasen nicht zu überfahren und die anderen müssen loslassen und vertrauen – schließlich teilt man sich die grüne Oase. Aber wenn die Chemie stimmt und verbindliche Absprachen getroffen werden, bietet ein Kleingarten – die Urform des „Urban Gardenings“ – eine wundervolle Chance generationenübergreifend die Lust aufs Gärtnern zu erhalten und weiterzugeben. Pluspunkte sind: Erfahrung, Gemeinschaft, Arbeitsteilung, finanzielle Vorteile, gute Ausstattung und ein bereits funktionierendes Ökosystem.

Zusammenbringen

Wie können diese Gartenfreunde zusammenfinden? Etabliert sich gar eine Bremer Plakette? Kooperationsbereite Kleingärtner:innen montieren ein Schild an ihre Pforte, damit vorbei flanierende junge Familien sehen können, wo sie sich melden können? Offen steht immer der Weg Sprechtage zu nutzen, Vereinsfachberaterinnen oder Berater einzubinden und freiwillige Ansprechpartner:innen für diese Idee zu gewinnen.

Wenn die Zusammenarbeit in der Mehrgenerationen-Parzelle gut angelaufen ist, möchten die neuen Gärtner:innen vielleicht eine Sicherheit haben, den ihnen mittlerweile vertrauten Garten problemlos übernehmen zu können. Für den Zeitpunkt, wenn die alten Hasen ihnen das Feld ganz überlassen möchten. Dazu gibt es inzwischen in Bremen seit einiger Zeit wieder die Möglichkeit, dass zwei Pächter in den Pachtvertrag eingetragen werden. Das macht die Übergabe sehr viel einfacher.

c/ KGV-Krähenberg

Wenn es Mängel in dem Garten gibt, die normalerweise im Falle einer Schätzung festgestellt werden würden, sollte auch hierfür eine gute Regelung gefunden werden. Allen Vereinen muss daran gelegen sein, dass die Gärten möglichst regelkonform gestaltet werden, um ihre Zulassung als Kleingartenverein nicht aufs Spiel zu setzen.

Absprachen treffen

Eine stichprobenartige Umfrage hat ergeben, dass Junggärtner:innen absolut aufgeschlossen dafür sind, mit Älteren zusammen zu gärtnern. Damit die Kooperation gelingt, ist ein intensives Kennenlernen unumgänglich. Eine Probezeit kann vereinbart werden. Gartenbereiche können aufgeteilt werden, Zeiten abgesprochen.

Junge Menschen möchten ältere Menschen unterstützen und voneinander lernen. Gerade in Zeiten wie diesen ist es wichtig, die Chance auf Natur und Erholung möglichst vielen Menschen zugänglich zu machen und zu erhalten. Klare Absprachen und gemeinsame Ziele sind wichtig bei so einem Vorhaben, aber auf jeden Fall machbar.

Ansprechpartnerinnen

Anaïs Lenuweit, Rike Fischer und Tanja Pintschovius vom Ernährungsrat können sich vorstellen, als Kontaktperson in ihren Vereinen in der Neustadt und in Findorff zur Verfügung zu stehen, sofern die Vorstände für diese Idee offen sind.

Fragen Sie in Ihrem Verein, ob die Bereitschaft besteht, eine „Partnervermittlung“ für Mehrgenerationen-Parzellen zu gründen und bringen Sie sich dabei aktiv ein. Entwickeln Sie Formulare, in die sich Alt und Jung mit Angebot und Nachfrage anschaulich eintragen können. Machen Sie Aushänge, damit Spaziergänger:innen wissen, wo sie sich melden können, wenn Sie eine Gartenkooperation finden möchten. Organisieren Sie einen „Tag des offenen Gartens“, um Grünschnäbel und alte Hasen zusammen zu bringen.

Auch hilfreich: www.gartenpaten.de und www.nebenan.de und das Schwarze Brett auf www.bremen.de

Anaïs Lenuweit und Rike Fischer vom Ernährungsrat Bremen und umzu in Gründung


Ernährungsrat Bremen und umzu

Als Teil einer weltweiten Bewegung wollen wir im „Ernährungsrat Bremen und umzu“ als überparteiliches Gremium Vertreter:innen verschiedener Interessen rund um das Thema Ernährung zusammen bringen, vernetzen, voneinander wissen, Synergien nutzen – gemeinsam mit konkreten Projekten die Ernährungslandschaft vor Ort wieder selbst in die Hand nehmen. Wir wollen Möglichkeiten aufzeigen, auf städtischer Ebene die Ernährungspolitik aktiv zu gestalten und uns mit der Frage beschäftigen „Wie soll Bremen 2030 essen?“. In der Arbeitsgruppe „Essbare Stadt“ widmen wir uns aktuell den Themen: Essbare Wildpflanzen, Kleingärten und Solidarische Landwirtschaft. https://ernaehrungsrat-bremen.de


Erfahrungsbericht eines Grünschnabels

„Als wir 2020 im Mai eine verwilderte Parzelle in Findorff übernommen haben, waren wir noch sehr grün hinter den Ohren. Die Parzelle lag schon einige Jahre brach und wir wussten nicht, wo wir anfangen sollten. Schon zu Beginn wuchs es uns buchstäblich über den Kopf.

Zum Glück haben wir erfahrene Nachbarn, die unseren Garten seit Jahrzehnten kennen und uns viele wertvolle Tipps geben können. Schon bei der Besichtigung des Gartens wurden wir von allen Nachbarn mit neugierigen Blicken empfangen und man merkte schnell, dass sie eine zusammengewachsene Gemeinschaft bilden.

Heute darf ich Teil dieser generationsübergreifenden Gemeinschaft sein und ich lerne immer wieder von ihnen dazu. Zum Beispiel welche Fruchtfolgen ich einzuhalten habe und wann ich am besten meine Himbeeren zurückschneide, damit ich zeitig eine reiche Ernte erwarten kann. Wir teilen überschüssige Ernten untereinander, so habe ich zum Beispiel im Herbst 5 kg von ihrem Riesenkürbis bekommen und obendrein noch tolle Einmach-Rezepte, damit ich lange etwas davon habe. Im Gegenzug helfe ich gerne, wo ich nur kann. Manchmal bleibt es aber auch einfach bei einem Klönschnack über’n Gartenzaun.

Ich mag mir nicht vorstellen, wie lange es gedauert hätte, wenn ich mir dieses ganze Wissen selbst hätte beibringen müssen und möchte meine lieben Nachbarn nicht mehr missen.“

Anaïs Lenuweit

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