Das Leben in Zeiten von Covid-19 (20): Bussi, Bussi, ihr Pappkameraden

(c)Dirk Mittermeier

Was waren das für schöne Zeiten, als Corona nur eine gern getrunkenen Biermarke der mexikanischen Brauerei Grupo Modelo war (wird zurzeit nicht mehr gebraut wegen der Pandemie!). Inzwischen hat die Krise uns nun schon in der 6. Woche im Griff. An manchen Stellen wird es immer skurriler.

Maskenball

Nachdem uns in der ersten Phase der Infektionskette Anfang April erklärt wurde, dass es zum Schutz vor dem Virus spezieller Masken bedarf. Wir lernten die Schutzklassen FFP1, FFP2 und FFP3 nach Euronorm EN 149 kennen. Wir lernten auch, dass die herkömmlichen Einmal-Masken, Stofftücher oder Stoffmasken keine ausreichende Schutzwirkung entwickeln können, deshalb sollten wir zuhause bleiben. Jetzt wird eine entsprechende Bedeckung von Mund und Nase deutschlandweit für jedermann/frau verpflichtend verordnet. Über den Sinn dieser Verordnung will ich hier aber nicht diskutieren, auch nicht über die vermeintliche Sicherheit in der sich die/der Maskierte wiegen mag. Aber wenn Masken nun mal Pflicht werden, müssen sie angeschafft werden! Während in den Apotheken echte Einmalartikel für 1 bis 2€ verkauft werden, die sich allerdings wirklich nur für den einmaligen Gebrauch eignen, bietet der Markt, hier die Handarbeits- oder Stoffgeschäfte mit nähmaschinenkundigen Mitarbeiter*innen, Exemplare an, deren Farben zwar lustig bunt, aber mit astronomischer Preisgestaltung versehen sind: Stück 14,95€, der Preis reduziert sich bei Abnahme von mindestens zwei Masken auf 12,95€ pro Stück. Schön, dass wir an dieser Stelle an die Prinzipien der Marktwirtschaft erinnert werden, Angebot und Nachfrage. Übrigens stehen vor dem Geschäft im Viertel, das ich kenne, die Käufer Schlange, natürlich mit den vorgeschriebenen 2m Abstand!

Bussi, Bussi

Die finanziellen Hilfsmaßnahmen in Deutschland und in Europa fördern Eurobeträge hervor, die man sich als Normalbürger gar nicht vorstellen mag. Dennoch steht zu befürchten, dass selbst die zunächst genannten Summen nicht ausreichen werden alle Betroffenen zu retten. Von einigen, auch großen Namen, werden wir uns in verschiedenen Branchen verabschieden müssen. Unsere Welt wird nach der Corona-Krise nicht die gleiche sein, wie vorher. Auch von dem besonders bei uns Deutschen so gerne praktizierten Händeschütteln werden wir uns sinnvollerweise verabschieden müssen. Alle Mitglieder von „Bussi-Bussi-Communities“, werden sich, wenn sie auf Dauer viral überleben wollen, etwas Neues als Begrüßung einfallen lassen müssen.

Fußballgeister – Geisterfußball

Der Fußball, gerne tituliert als die „schönste Nebensache der Welt“, kämpft gerade um seinen Status als „gesellschaftlicher Auftrag“ (…wie Theater, Oper, Konzert?). Während andere Mannschafts- und Sportkampfarten schon entsprechend mit einem Saisonabbruch reagiert haben, werden beim Fußball Pappkameraden aufgestellt, sowohl im übertragenen (siehe oben), als auch im tatsächlichen Sinn. Es werden auf den Tribünen Pappmenschen aufgestellt. Wahrscheinlich sind wir dann nicht mehr weit entfernt von Applaus- und anderen Geräuscheinspielungen über die Stadionlautsprecher, die uns und den Spielern eine Stadionatmosphäre suggerieren sollen. Das ist dann so wie das Einspielen von Lachkonserven („canned laughter“) bei amerikanischen Sitcoms, die ohne Publikum, aber mit Reaktionen aus der Konserve verziert werden. Gruselig! Apropos gruselig: Geisterspiele werden zurzeit für den Rest der Bundesliga-Saison propagiert, um durch eine Übertragung wenigstens an die Gelder der Bezahlsender zu gelangen, die ihrer Kundschaft fleißig die Monatsgebühren für Bundesliga und internationalen Sport vom Konto der Abonnenten abziehen, dafür aber keine Leistungen erbringen müssen. Klar, dass es den Vereinen um das finanzielle Überleben geht. Die große finanzielle Blase des Profifußballs mit den Traumgehältern der Spieler und den riesigen Geldmaschinen der Clubs, die von reichen Konsortien oder Milliardären als lohnende Renditeobjekte gehalten werden, droht zu platzen. An dieser Stelle ist der Profi-Fußball eben keine Nebensache mehr, sondern ein Wirtschaftsunternehmen mit handfesten kommerziellen Interessen, ebenso wie andere Groß-Unternehmen. Was passiert eigentlich, wenn bei den angekündigten und auch von den Politkern auf Druck der Vereine schon angekündigten Geisterspielen zwei oder drei der Profis infektionspositiv getestet werden? Lässt sich dies aus Angst vor den wirtschaftlichen Folgen verheimlichen oder wird es gehandhabt wie bei offiziellen Dopingtests? Wenn es aber publik wird, dann finden die Geisterspiele spätestens zu diesem Zeitpunkt ein eher unrühmliches Ende, ebenso wie die ganze Restsaison. Oder: Wenn sich bei irgendeinem Geisterspiel in Deutschland Fanszenen vor dem Stadion abspielen, oder solche Treffen angekündigt oder wahrscheinlich werden und ein verantwortungsvoller Innenminister oder -senator daraufhin das Spiel untersagt, wie soll dann eine Saison ordnungsgemäß zu Ende gespielt werden? Ganz zu schweigen von den geschätzt 20.000 Tests, die bis zum Saisonende nur für die Testung der Fußballer zur Verfügung gestellt werden müssen. Haben wir genug davon oder fehlen diese dann an anderer Stelle?

Denk mal!

Keiner hat von uns verlangt, dass wir in diesen Zeiten, in denen Bürgerrechte ohnehin eingeschränkt sind, unser Gehirn nicht mehr nutzen dürfen. Jeder muss an der Stelle, an der sie/er Einfluss auf das momentane Geschehen hat, sich bewusst sein, dass es eine Nachbetrachtung seines Verhaltens in Krisenzeiten danach geben wird. Mir graut jetzt schon vor dem, was dann ablaufen wird. Also lieber jetzt schon mal das Hirnkastel einschalten!

Dr. Dirk Mittermeier

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