In diesen Zeiten … Unterwegs nach Berlin: Ohne Reservierung, ohne Fahrstuhl, ohne Zielbahnhof

(c)Elfie Siegel

Eine Tasse Kaffee in der 1. Klasse

In Bremen sieht alles gut aus. Der Zug kommt pünktlich. Den Waggon mit meiner Reservierung gibt es wirklich. Der Platz ist frei. Alles prima. Umsteigen in Hannover: Der ICE hat 30 Minuten Verspätung, und ihm fehlt die Hälfte der Waggons. Meine Reservierung fällt weg. Der Bahnsteig ist voll. Alles drängelt und schiebt. Die Lautsprecherdurchsage gibt nur bekannt, wo die 1. Klasse zu finden ist. Ich steige in den 1. Klasse-Waggon. Breite Ledersitze. Wie immer, wenn was nicht klappt bei der Bahn, wird nicht kontrolliert. Dafür kommt eine freundliche junge Dame: „Darf ich Ihnen eine Tasse Kaffee bringen!“

Ich renne dem roten Rucksack hinterher

Kurz vor Berlin kommt die dreisprachige Information, dass mein Ziel Berlin-Südkreuz heute nicht angefahren wird. Was jetzt? Wir müssen am Hauptbahnhof Berlin von Bahnsteig 11 nach Bahnsteig 1. Dort fährt ein Zug nach Südkreuz ab. In drei Minuten! Die junge Frau neben mir weiß Bescheid. Sie hat den gleichen Weg. „Ich renne hinter Ihnen her“ sage ich. „Ich kann aber nicht so schnell, bin im 7. Monat schwanger.“ Zwei Rolltreppen hoch. Sie saust um die Ecken. Zweimal sehe ich gerade noch ihren roten Rucksack. Ganz schön schnell rennt sie mit ihrem dicken Bauch. Ich bin außer Puste, als wir den Zug erreichen. Geschafft! Und der Zug fährt los.

(c)Elfie Siegel

Ich renne ohne mein Köfferchen

Dann muss ich die S-Bahn nehmen und umsteigen in die U-Bahn Nr. 9 Richtung Steglitz. Ich finde sogar den Fahrstuhl, drücke einmal, zweimal, dreimal. Der Fahrstuhl funktioniert nicht. Ein junger Mann sagt mit starkem englischen Akzent: „Der funktioniert nie“.  Er lächelt mich freundlich an: „Soll ich deinen Koffer nehmen?“  Ich schaue wohl etwas misstrauisch. „Du nimmst meinen Rucksack, und ich nehme deinen Koffer!“ Er drückt mir seinen superleichten Rucksack in die Hand…und rennt los. Ich hinterher: Eine steile Treppe runter. Noch eine lange steile Treppe. Dann ein leerer Bahnsteig. Ein roter U-Bahn-Zug steht noch da. Abfahrbereit. Der junge Mann ist fünf Meter vor mir,  hält mein Köfferchen zwischen die Türen. Ich schnappe meinen Koffer, gebe ihm den Rucksack und schrei laut durch die sich schließende Türöffnung: „Thank you very much!!!“  Der junge Mann winkt mir strahlend zu.

Ich bin etwas stolz auf mich:  Mit meinen 80 Jahren kann ich es im Sprint aufnehmen mit einer Schwangeren und mit einem jungen Mann, der meinen Koffer trägt…na, nicht ganz, aber immerhin fast. Ehrlich gesagt: Hinterher bin ich doch ziemlich kaputt. In meinem Alter ist es sicher besser und weniger nervenaufreibend, wenn alles wie vorgesehen klappt.

Elfie Siegel

  2 comments for “In diesen Zeiten … Unterwegs nach Berlin: Ohne Reservierung, ohne Fahrstuhl, ohne Zielbahnhof

  1. Maria sagt:

    Als Vielreisende mit der DB (noch bis vor Kurzem) habe ich mich erschrocken, als ich Ihren Artikel las. Gerade hatte ich doch meinen Termin in Berlin abgesagt. Mein erster Gedanke war: Diese Frau ist ja mutig oder besser unvernünftig? Aber manchmal lassen sich bestimmt gewisse Dinge nicht ändern, auch nicht in der jetzigen Zeit.
    Sie haben das Abenteuer hoffentlich gut überstanden. Ein Abenteuer, was ich absolut nachvollziehen konnte. Fühlte mich direkt in Ihre Rolle versetzt. Etwas Besseres kann einem Autor doch nicht widerfahren? : Der Beitrag zur Deutschen Bahn, mit großer Aussagekraft und mit viel Humor geschrieben. Danke dafür.

  2. Elfie Siegel sagt:

    Danke, Maria, für die Zeilen! Zu Ihrer Infornmation: Die Fahrt nach Berlin war genau am letzten Februartag. Da habe ich mich noch getraut.

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