Digitale Daseinsvorsorge

(c)Dirk Mittermeier

Bremer Gespräche zur Digitalen Staatskunst am 24. und 25.Februar 2020

„Groß denken – klein anfangen – schnell lernen!“

Das Zeitalter der digitalen Transformation ist ausgerufen und hat längst begonnen. Es stellt sich die Frage: Wo und wie können mit dem Einsatz von digitaler Technologie weitere positive Effekte für die Gesellschaft organisiert und erzielt werden? Dabei kann als ein Fazit gelten: Nicht das Machbare sollte die Richtschnur für die Gestaltung sein, nicht über die digitalen Werkzeuge sollte gesprochen werden, sondern die Politik ist gefragt: Wo wollen wir in den verschiedenen zur Debatte stehenden Handlungsfeldern in zehn Jahren sein?

Die Bremer Konferenz

Es war nur folgerichtig, dass ein im vergangenen Jahr begonnenes Kolloquium „Brauchen wir eine neue Staatskunst“ in Bremen nach seiner allgemein positiven Aufnahme der Teilnehmer nun unter dem Titel „Bremer Gespräche zur Digitalen Staatskunst“ in diesem Jahr seine Fortsetzung fand und auch für kommende Jahre in Vorplanung geht. Dabei wurde in diesem Jahr das Spektrum des digital Möglichen und Wünschenswerten von den verschiedensten Perspektiven beleuchtet, vom kommunalen Verwaltungsaspekt bis hin zu einer grenzüberschreitenden europaweiten Betrachtung: Anwesend und mit dem europäischen Blick vertreten waren Gertrud Ingestad, Generaldirektorin der Generaldirektion Informatik (GD DIGIT) der europäischen Kommission, sowie viele Fachleute aus ganz Deutschland. Positive Effekte durch den Einsatz digitaler Technologie als Ziel: Für die Bürgerinnen und Bürger in der Kommune in ihren unterschiedlichen Lebenslagen, die Zivilgesellschaft, deutschlandweit, europaweit und für die kommunale Verwaltungen selbst konnten in den zwei Tagen viele Impulse gesetzt werden. Was sind dabei die Anforderungen an eine digitale Infrastruktur, an eine digitale Sicherheitsarchitektur, an eine Vernetzung, welche erprobten Systeme existieren bereits, was muss entwickelt oder weiterentwickelt werden? Die Vielfalt und thematische Fächerung der in den Vorträgen vorgebrachten Aspekte war dazu angetan den geneigten Teilnehmer schwindelig zu machen!

(c)Dirk Mittermeier

Und die älteren Menschen?

Dennoch: Gerade wir älteren Menschen sollten uns dieser Thematik für unseren Bereich öffnen. Im Raum steht die Forderung der SeniorenVertretung in der Stadtgemeinde Bremen, ältere Menschen vom Nutzen der digitalen Möglichkeiten zu überzeugen und Wege zu finden, sie zu einer Nutzung digitaler Möglichkeiten zu befähigen. Hierfür notwendige Schritte sind im überschaubaren Rahmen eines Stadtstaats wie Bremen mit seinen gewachsenen und organisierten Quartieren leichter umsetzbar, als in großen Flächenländern.

Die Ausgangslage bei den älteren Menschen zeichnete Prof. Herbert Kubicek vom ifib-Institut für Informationsmanagement Bremen. Zwischen den Altersgruppen der 65-69jährigen und der Gruppe der 70-74jährigen steigt die Zahl der Menschen, die das Internet nutzen von 27% auf 69% an, bei den über 80jährigen beträgt der „Offliner-Anteil 89 %. Diese „Alterslücke“ hat sich seit 2001 kaum geändert. Insgesamt ist bundesweit von ca. 7,5 Millionen älteren Menschen auszugehen, die offline sind, für Bremen sind es über 80.000 Menschen. Die Gründe dafür sind,

  • dass der Nutzen nicht erkannt und deshalb kein Bedarf gesehen wird (Motivationsbarriere),
  • dass ältere Menschen sich den Umgang mit digitaler Technik nicht zutrauen (Lernbarriere),
  • dass sie niederschwellige Angebote nutzen, sich aber höherschwelligen Einsatz mit größerem Nutzen nicht zutrauen (Nutzungsbarriere),
  • dass sie sich den Erwerb der Endgeräte finanziell nicht leisten können (finanzielle Barriere),
  • dass sie wegen Mobilitätseinschränkungen Lernorte nicht aufsuchen können (Mobilitätsbarriere) oder
  • dass sie aufgrund körperlicher oder geistiger Einschränkungen das Internet nicht alleine nutzen können.

Um diese Barrieren abzubauen sind einige Anstrengungen nötig und eine Struktur des Angebots, das die Bedarfe der älteren Menschen berücksichtigt, es braucht einereinladende, qualifizierende und helfende Assistenz.

(c)Dirk Mittermeier

Das Bremer Netzwerk „Digitalambulanz“

Der 7. Altenbericht (2016) der Bundesregierung hat die besondere Verantwortung der Kommunen bei der Sicherung und Ausgestaltung der Daseinsvorsorge mit Blick auf die älteren Menschen betont. Daraus kann für die älteren Menschen auch ein Rechtsanspruch auf Digitalassistenz abgeleitet werden. Bremen ist auf dem Weg, dieses mit einem kooperativen Netzwerk „Digitalambulanz“ zu organisieren. Niels Winkler als Projektleiter vom Senator für Finanzen erläuterte die Bremer Ansätze zu einer Neuaufstellung, die in der Vereinbarung zur Regierungskoalition des neuen Senats als Aufgabe verankert ist: Ein bedarfsorientiertes Unterstützungsangebot, das mit stationären und aufsuchenden Elementen der Heterogenität der Altersgruppe gerecht werden soll. Durch die kommunale Dienstleistungserbringung können die Bürger*innen dabei auf flächendeckende Unterstützungsangebote zurückgreifen. Dadurch soll eine digitale Integration älterer Menschen gewährleistet werden, die Befähigung zur gesellschaftlichen Teilhabe im Rahmen der digitalen Daseinsvorsorge gestärkt und eine digitale

(c)Dirk Mittermeier

Spaltung und die Alterslücke verringert werden: „Digitale Teilhabe ermöglicht soziale Teilhabe“, so Winkler. Nicht mur die Nutzung von digitalen Anwendungen soll dabei vermittelt werden, sondern auch der Nutzen. Die Verwaltung kooperiert dabei mit verschiedenen Akteuren der Zivilgesellschaft und im Rahmen eines gemeinsamen Netzwerkes. Der Projektzeitraum erstreckt sich von März 2020 bis Ende 2022 und baut auf interkommunale Zusammenarbeit und Erfahrungsaustausch. Die Finanzierung und eine wissenschaftlich Begleitforschung sind gesichert.

Wie gehts weiter?

Und es bleibt spannend: Inzwischen liegt der fertiggestellte 8. Altersbericht einer Expertengruppe mit dem Thema „Ältere Menschen und Digitalisierung“, wir bleiben beim Thema, der Bundesregierung vor und wird versehen mit der Stellungnahme der Bundesregierung demnächst der Öffentlichkeit präsentiert. Die SeniorenVertretung in der Stadtgemeinde Bremen wird an dem Netzwerk „Digitalambulanz Bremen“ aktiv mitarbeiten und sich ebenfalls eingehend mit den Ergebnissen des 8. Altersberichts beschäftigen.

Dr. Dirk Mittermeier

  1 comment for “Digitale Daseinsvorsorge

  1. Feller, Gerd sagt:

    Körperliche und geistige Einschränkungen bei der Altersgruppe 75plus für die Nutzung des Internets sollten nicht unterschätzt werden und tauchen auch trotz aller Fortbildungsbemühungen in Zukunft durch das Wachstum der Generation in größerer Zahl auf. Diese Menschen werden auch mit der Digitalisierung im Alltag, z.B. beim Umgang mit Automaten jeglicher Art, Probleme haben. Unsere Gesellschaft sollte dafür sorgen, dass sie nicht alle nur noch in Begleitung ihren Alltag bewältigen müssen, weil sich alles nur noch digitalisiert erledigen lässt. Ich halte den Spruch „digitale Teilhabe ermöglicht soziale Teilhabe“ für gefährlich. In den Automatenräumen der Banken z.B. habe ich bisher kaum soziale Teilhabe erlebt. Auch wer die Automaten beherrscht, bleibt oft allein. Ganz zu schweigen von den unsozialen Vorgängen im Internet! Ich hoffe, man verliert in der Digitalambulanz Bremen nicht den Blick auf die Kriterien des Altseins!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.