Klassentreffen,“…das gibt es noch?“

(c)Dirk Mittermeier

Das Treffen

Klassentreffen oder Abiturtreffen sind beeindruckend, besonders wenn sie in langen Abständen passieren: Es ist ein Suchen, ein Finden ein Wiederfinden, ein Entdecken. Es ist aber auch Neugier, was aus den Gefährtinnen aus der Schulzeit geworden ist. Gerade bin ich mit meinen ehemaligen noch lebenden Schulkameradinnen eines Mädchengymnasium des Abiturjahrgangs 1962 in die Vergangenheit eingetaucht. Die gemeinsame Jetztzeit haben wir sehr genossen und haben perspektivisch dank der Nutzung sozialer Medien verschollene Kontakte sogar revitalisiert.

Der Weg

Alle sind wir noch in Kriegszeiten geboren worden, haben die Zeit als Babys, Kleinkinder mehr oder weniger bewusst als Ausgebombte, Flüchtlinge, Evakuierte, Waisen, Halbwaisen prägend erlebt. Das „Wirtschaftswunder“ haben wir mehr oder weniger kreativ wahrgenommen, wurden sozialisiert und politisiert in unterschiedlichen Lebenswelten mit unterschiedlichen Chancen und Berufslaufbahnen, eigenem Familien- und Berufsleben. Einige haben Karriere gemacht, von denen wir es bereits annahmen, andere denen die Lehrer oder wir es in der Schule nicht zugetraut haben. Einige haben Brüche in ihrer Lebensplanung erlebt, andere haben sich trotzdem emanzipiert.

Zusammen, wie damals

Wir haben jetzt wieder – „wie früher“ – gelacht, gestaunt, geweint, haben „alles überlebt“, vieles war schön, aber wir beschönigten auch nichts. Unsere Lehrer*innen alle tot, bis auf eine Kunstlehrerin, die damals Referendarin war und bald 100 Jahre alt wird. Das Klassentreffen war ein Erlebnis – sowohl Schauplatz von dramatischen persönlichen Ereignissen als auch entlang gesellschaftlicher Entwicklungen. Das gemeinsame Eintauchen für eine kurze Zeit „in alte Zeiten“ zeigte aber auch, dass wir geprägt wurden von einem Zeitgeist der Solidarität, des Verantwortlichseins für sich und andere und einem starken Gestaltungswillen.

Eine Weile Zeit verbleibt

Die unterschiedlichen Ideen die wir hatten, sind geblieben, wurden gelebt oder verworfen – aber immer war und ist es eine Suche nach einem erfüllten Leben! Perspektivisch bleibt uns noch „eine Weile Zeit“, Zeit für sich, Zeit für die Kinder, Enkel und Patenkinder, Zeit zum Briefe-, Bücher- und Geschichtenschreiben, Zeit für kleine Kunstwerke, Zeit für die Gemeinschaft mit Gleich – und Andersdenkenden, Zeit fürs Ehrenamt, Zeit für soziales Engagement, für Frieden, Umwelt, Unterstützung internationaler Organisationen und anderes.

… und heute?

Als ich auf dem Rückweg von Frankfurt nach Bremen im Zug ins Gespräch kam mit jungen Leuten über „Start, Weg und Ziel“ und ich erzählte, dass ich von „unserem Klassentreffen“ komme, staunten sie „Was, das gibt es noch !?“ und berichteten, dass es für sie „nur noch Unterricht in Leistungs- und Grundkursen“ gab, keine Klassenverbände mehr existierten, einzelne Freundschaften geschlossen aber keine Gruppengemeinschaft entstanden ist. “ schade, so einen Schatz werden wir nicht haben“ sagte der junge Mann beim Abschied.

Barbara Matuschewski

  2 comments for “Klassentreffen,“…das gibt es noch?“

  1. Margot Müller sagt:

    Was für eine schöne Beschreibung eines Treffens mit ehemaligen Klassenkameradinnen! Ich habe mein Klassentreffen ähnlich erlebt und dabei bemerkt, wie wir uns immer näher kommen. Wir haben gelernt zuzuhören, von Herzen Anteil zu nehmen am Schicksal der anderen, und; wir durften und dürfen ganz und gar wir selbst sein. Ich muss immer an den Satz aus Luise Rinsers Gedicht denken:
    „Schön ist es, älter zu werden, erlöst von sich, von der gewaltigen Anstrengung, etwas zu werden, etwas darzustellen in dieser Welt.“ Das ist für mich das Wunderbare: man kennt dich, man hat dich gern genau so wie du bist – und übrigens auch damals schon warst – dieselbe Stimme, dasselbe Temperament, nur leiser, verständnisvoller. Wir sind sehr behutsam und liebevoll miteinander umgegangen, sicher auch, weil wir gemeinsam traurig über den Tod einer Klassenkameradin waren, die vor wenigen Wochen von uns gegangen war. – Schade, dass es diese Klassenverbände nicht mehr gibt. Es ist etwas anderes, sich später im Berufsleben zu befreunden – in der Schulzeit durften wir unbefangen sein, albern, unvoreingenommen. Jetzt tragen wir das Vergangene in uns wie ein kostbares Geschenk, das wir bei jedem Klassentreffen voller Freude und Überraschung wieder auspacken dürfen

  2. Dirk Mittermeier sagt:

    …gerade entdecke ich einen Kommentar im Seniorenlotse zu meinem Artikel „Klassentreffen“ und habe im Internet nachgeschaut: Das Zitat stammt aus dem Gedicht von Luise Rinser „Heute fürchte ich nichts“. Gefällt mir – sensibel, weiblich, demütig und selbstbewusst zugleich – ich freue mich!

    Schöne Grüße
    Barbara Matuschewski

    Heute fürchte ich nichts

    Heute fürchte ich nichts,
    heute zeige ich mich
    freimütig schutzlos dem Tag
    und wage, mich zu freuen,
    weil ich lebe,
    weil ich auf eine Art lebe,
    die nur ich weiß und kann,
    ein Leben unter Milliarden,
    aber das meine, das etwas sagt,
    was kein anderer sagen kann.
    Das Einmalige eines jeden Lebens.
    Es macht heiter, zu wissen,
    das jeder recht hat mit sich selbst.
    Schön ist es älter zu werden,
    erlöst von sich selbst,
    von der gewaltigen Anstrengung
    „etwas zu werden“,
    etwas darzustellen in dieser Welt,
    gelassen sich einzufügen
    irgendwo, wo gerade Platz ist
    und überall man selbst zu sein
    und zugleich weiter nichts
    als einer von Milliarden.
    Luise Rinser

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