Vorwärts leben – rückwärts verstehen….

(c)Helmuth Weiss

In diesem Jahr häufen sich wieder die Erinnerungs- und Gedenkjahre und bieten eine Fülle von Anlässen, sich mit Ereignissen früherer Zeiten auseinanderzusetzen (Gedenkjahre 2019:100 – 80 – 75 – 74 – 70 – 30) :

Vor 100 Jahren

nahm die Weimarer Republik Gestalt an (Januar 1919 wurde die National-versammlung gewählt) und Walter Gropius gründete in Weimar das Bauhaus mit dem Anspruch, Gestaltung ganz neu zu denken in Architektur und Design.

Vor 80 Jahren

am 1. September begann der 2. Weltkrieg, seitdem ist der 1. September „Antikriegstag“ mit dem Credo „Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus“ und seit 75 Jahren ist der Widerstand gegen Hitler im kollektiven Gedächtnis und das Stauffenberg – Attentat vor 75 Jahren am 20. Juli 1944. Wenn neben der Erinnerung an den Naziterror der Respekt für diejenigen im Fokus steht, die die Klarheit und die Kraft entwickelt haben, sich zu widersetzen, Widerstand zu leisten, nicht mitzumachen, eine Haltung haben, dann ist das ein zivilisatorischer Fortschritt.

Vor 74 Jahren

am 6. und 9. August die Atombombenabwürfe der US – Luftwaffe auf die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki – weltweit wird daran erinnert und gewarnt vor dem Wiedererstarken der atomaren Gefahr und einem neuen atomaren Wettrüsten. Der Widerstand gegen die atomare Gefahr wächst auch in Bremen.

Vor 70 Jahren

im Mai 1949 trat das Grundgesetz in Kraft – ein Anlass, sich um den Zustand der Demokratie Gedanken zu machen. Vor 30 Jahren am 9. November die friedliche Revolution in der DDR. Die Reihe ließe sich verlängern durch die Magie der Zahlen oder die zwanghafte Beschäftigung (Selbstzweck) mit den jeweiligen Ereignissen, die sowohl für Ältere als auch für junge Menschen Geschichte sind. Dabei leben wir im Hier und Jetzt und werden täglich von vedichteten punktuellen Ereignissen und Informationen von „rund um die Welt“ überschüttet.

Aus der Geschichte lernen ?

Reflexive Gedenk- und Erinnerungstage sind, so denke ich, notwendig und bieten die Chance an Ereignisse zu erinnern, die in der Auseinandersetzung damit eine demokratische Gesellschaft, Frieden, Einhaltung der Menschenrechte und eine kultur- und sozialsensible politische Umsetzung möglich machen. Weder die antiquarische noch die monumentalistische Beschäftigung mit der Geschichte bringt uns weiter, sondern eher das politisch kritische Gedächtnis, das Aufzeigen der Spuren der Vergangenheit, die bis heute nachwirken und ein Korrektiv sein können. Gerade hierbei ist es aber notwendig, dass die Älteren nicht unter sich bleiben, sondern im Transfer mit der jungen Generation (oral history und Spurensuche) stehen im gemeinsamen Nachdenken für die Zukunft.

Antworten

Es kommt darauf an, Antworten zu finden auf Zusammenhänge, Kontinuitäten und Diskontinuitäten zu begreifen, die Welt strukturell zu gestalten und zu verändern. Kommunikation zwischen den Generationen und politisches Handeln ist dafür notwendig. Umsetzen werden es die jungen Mädchen und Frauen, die Jungen und Männer der jetzigen jungen und mittleren Generation in eine hoffentlich menschliche Zukunft – international, solidarisch, sozial, ökologisch und gerecht mit gemeinsamen neuen anderen Ideen und deren Realisierung! Das Zitat von Søren Kierkegaard (dänischer Philosoph, Kopenhagen 1815 – 1855)  „Vorwärts leben – rückwärts verstehen“ entwickelt so eine eigene Dynamik und die Chance, gemeinsam Lösungen zu finden.

Barbara Matuschewski

  2 comments for “Vorwärts leben – rückwärts verstehen….

  1. Peter sagt:

    Die Autorin habe ich in der kurzen Zeit, in der ich sie kennen lernen durfte, für ihre konstruktiven Denkanstöße sehr schätzen gelernt. Besonders dankbar bin ihr für diesen Beitrag, weil er für mich ein Gegengewicht darstellt zu einer Aussage aus den neunziger Jahren der von mir verehrten ostdeutschen Schriftstellerin Christa Wolf, die mich bis heute bedrückt: In einem der legendären Fernseh-Interviews „Zu Protokoll“ von xxx machte sie auf seine Frage, ob jede Generation dazu verurteilt sei, die Fehler früherer Generationen zu wiederholen, eine quälend lange Denkpause und sagte dann tonlos: „Ich fürchte ja.“
    Dieser Beitrag macht demgegenüber eindringlich klar, dass der Versuch, es zu verhindern, gerade heute alternativlos ist und v.a. uns Alte in die Pflicht nimmt!

  2. Peter Köster sagt:

    Der Interviewer hieß natürlich Günter Gaus! Die 3 Kreuze waren Platzhalter, weil mir der Name auf Anhieb nicht einfiel (wir werden ja nicht jünger, Seufz!)

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