Heiligabend im Jahre 2002: Im Blitzeis unterwegs

Dampflokomotive im Schnee

(c) Elfie Siegel

Es geht doch

Im Rundfunk wird gewarnt: Blitzeis! Keine Straßenbahn fährt mehr; die Oberleitungen sind vereist. Ich ziehe meine Wanderschuhe und meine dicke Wanderhose an und wandere los. Am Dobben ein Bus! Er ersetzt die Linie 10 der Straßenbahn. Es geht doch, freue ich mich. Und am Bahnhof sehe ich sogar den Zug Richtung Mainz. Na prima!

Wir erfahren nichts

Ich steig ein. Mit einiger Verspätung geht’s los. Der Zug fährt, aber nicht lange. Über dem Gustav Deetjen-Tunnel hält er. Naja, heute muss ich eben etwas Geduld haben. Ich gucke aus dem Fenster. Kein Auto ist unterwegs und vor dem Böse-Gymnasium schliddern die Leute. Wir warten und warten. Von dem Zugpersonal ist niemand zu sehen. Es gibt auch keine Durchsage. Ich gehe auf dem Gang auf und ab, sehe dann doch einen Schaffner und höre: Wir wissen auch nichts….

Ich komme wohl später

Zwei junge Männer und ich bilden eine Notgemeinschaft. Die beiden sind auf dem Weg zu ihrer Freundin oder Verlobten. Der eine ist schon recht verbittert: Sonst fliege ich immer. Nie wieder Bahn!  Er leiht mir sein Handy: Fangt ruhig schon an mit dem Essen. Ich komme wohl zwei Stunden später, melde ich meiner Schwester. Es soll westfälischen Kartoffelsalat mit Würstchen geben wie jedes Jahr.

Ein Funkenregen

Nach einiger Zeit will ich aussteigen und wieder nachhause gehen. „Das sollten Sie nicht tun. Weihnachten allein. Spätestens Mitternacht sind Sie da. Dann haben Sie noch zwei schöne Festtage.“ Der Junge hat ja Recht. Ich bleibe also. Irgendwann fährt der Zug doch! Prima! Wir sitzen im ersten Waggon. Grüne, gelbe, rote und weiße Funken spritzen von der vereisten Oberleitung weit in die Nacht. Wenigstens fahren wir! Aber nur bis Kirchweyhe. Jetzt gibt’s auch eine Ansage: Wir warten hier auf eine Diesellok.

Zwei Tässchen Bier

Wir warten und warten. Die beiden Jungs machen sich auf zum Restaurantwagen. „Sollen wir Ihnen was mitbringen?“ Oh ja, vielleicht ein Mineralwasser oder auch Essbares. Sie kommen mit zwei Flaschen Bier wieder, mehr gabs nicht. Alles war ratzikal ausverkauft. Ich kriege zwei Tässchen Bier in den Deckel meiner leeren Thermoskanne. Ein Herr läuft durch die Waggons und ruft laut: Hat jemand eine Krebsschere oder so? Er hat zwei Langusten im Gepäck. Er will sie knacken. Nicht mal ein Taschenmesser haben wir.

Ein Schläfchen auf dem Gang

Irgendwann in der Nacht wartet die Diesellok auf dem gegenüber liegenden Gleis. Wir müssen umsteigen über den spiegelblanken Bahnsteig. Einer der jungen Männer trägt mein Köfferchen. Ich rutsche hinterher. Der Zug ist proppenvoll, weil er noch Gestrandete aus einem anderen Zug aufnimmt. Wir quetschen uns mit rein. Sitzplätze gibt es nicht mehr. Die zwei Tässchen Bier auf nüchternem Magen machen schläfrig. Ich lege mich auf den Gang. Morgens zwei Uhr wache ich auf. Der nette

Weihnachtsbaum, hell erleuchtet

(c) Schnatmeyer

junge Mann leiht mir wieder sein Handy: Geht man ins Bett, wartet nicht mehr auf mich. In Osnabrück eine Durchsage: „Wir halten hier. Der Notarzt muss Kranke und Säuglinge versorgen. Und jeder bekommt ein belegtes Brötchen. Bleiben Sie bitte auf Ihren Plätzen!“ Wir warten, aber kein Brötchen kommt bei uns an….und natürlich erst recht kein Kartoffelsalat. Die Diesellok zockelt weiter, langsam, langsam…aber sie fährt.

Weihnachten kann beginnen

Am ersten Weihnachtstag morgens gegen 7 Uhr 30 klingele ich bei meiner Schwester. Ich bin erschöpft, hungrig und durstig: „Habt ihr noch Kartoffelsalat?“ frage ich gleich an der Haustür. Eine heiße Dusche, der traditionelle Kartoffelsalat und ein dreistündiger Schlaf erfrischen mich. Nun ist auch für mich Weihnachten.

Elfie Siegel

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