Gehts noch?

Die Vorgeschichte

Östliche Vorstadt Bremen vorletzte Woche: In einem Wohnhaus mit vielen älteren Menschen und einem intakten nachbarschaftlichen Miteinander kommt der 90jährige Heinz Z. morgens nicht aus dem Bett. Sein linkes Knie schmerzt sehr und ist stark geschwollen. Er bekommt nachbarschaftliche Hilfe in Form von Frühstück. Das Büro eines privaten Pflegeunternehmens im Erdgeschoss wird informiert und schickt zwei Helfer in die Wohnung. Der Neunzigjährige wird in einen Sessel gesetzt. Der Hausarzt ist urlaubsbedingt nicht verfügbar, die Vertretung will um 14:00 Uhr kommen, erscheint um 15:30 Uhr. Nachbarn versorgen den geistig fitten Senior nun auch mit Mittagessen. Der herbei“geeilte“ Arzt weist den Patienten ins Krankenhaus ein. Ein Krankenwagen ist gegen 18:00 Uhr verfügbar und bringt Heinz Z. zum St. Joseph-Stift. Soweit so gut(?).

im Krankenhaus

Im Krankenhaus dann gibt es mit Wartezeiten Untersuchungen: Blutentnahme, Röntgen, EKG. Die ärztliche Diagnose: Verschleiß im Knie, wie er bei älteren Menschen häufig auftritt. Wegen der kardiologischen Befunde besteht keine Operationsmöglichkeit. Ein Bett in der Geriatrie steht nicht zur Verfügung. Es gibt während des gut 6stündigen Aufenthalts in der Ambulanz sporadisch Gespräche mit einer internistischen Ärztin und einem chirurgischen Facharzt. Um kurz vor Mitternacht ist die Information kurz und knapp: „Sie müssen nachhause!“ so der Arzt. Die Frage des Patienten, wie er das anstellen solle, da er zur Zeit alleine lebe und seinen Schlüssel einer Nachbarin überlassen habe. Der Arzt: „Ja, soll ich Ihnen meine Wohnung zur Verfügung stellen?“

Entlassung

Um 00:30Uhr (gehts noch?) wird Heinz Z. mit seinem Stock, auf einem Schuh, mit dem zweiten Schuh (defekt durch die erfolglosen Versuche der Ärztin, ihn für den geschwollenen Fuss zu weiten) separat im Plastikbeutel „entlassen“. Bevor er ein herbeigerufenes Taxi besteigt, telefoniert erneut mit der Nachbarin zu dieser nächtlichen Stunde, sagt, er wolle sie jetzt nicht wegen des Schlüssels behelligen und jetzt erstmal in ein Hotel, da er eine Rückkehr in seine Wohnung nicht für machbar hielt. Sie besteht darauf, ihn ins das Haus hereinzulassen. Der hilfsbereite Taxifahrer hilft ihm bei dem schwierigen Einstieg in sein Auto und erlaubt sich die Frage „Ist das denn richtig, was hier passiert?“ Die Nachbarin öffnet ihm die Haustür und schafft ihn mit einem vom Nachbarn ausgeliehenen Rollstuhl in seine Wohnung. Eine weitere ebenfalls noch schlaflose Nachbarin hilft dabei, ihn ins Bett zu bringen.

Fragen

Dabei drängen sich etliche Fragen auf: Ohne Rücksicht auf das situative Umfeld und das hohe Alter des Patienten wird hier, zumal mitten in der Nacht, ein 90jähriger auf die Piste geschickt? War eine Notfall-Ambulanz hier überfordert und wäre er mit Zahlung einer „Notfallgebühr“ umsichtiger behandelt worden? Wie gehen Notfallambulanzen zukünftig mit einer stetig steigenden Zahl von alten, älteren und hochbetagten „Verschleißpatienten“ um? Wenn ein „Entlassungsmanagement“ nur für diejenigen Patienten gilt, die mindestens eine Nacht im Krankenhaus „aufgenommen“ oder stationär behandelt wurden, ist es vielleicht an der Zeit, dass Krankenhäuser auch für diese Fälle Überlegungen anstellen, wie solche Fälle patientengerecht zu „managen“ sind. Dem Renommee einer Krankeneinrichtung wäre das auf jeden Fall sehr zuträglich. Was wäre passiert oder hätte passieren können, wenn nicht -wie in diesem Fall- hilfsbereite und erreichbare Nachbarn vorhanden gewesen wären? Müssen wir daraus die Lehre ziehen, dass es unter den Vorzeichen dieses Einzelfalles (ist es ein Einzelfall?) bei den auch ansonsten bestehenden strukturellen Problemen der Gesundheitsversorgung in der Stadt nicht erstrebenswert sein kann, in Bremen ein hohes Alter zu erreichen? Sollen wir alten, älteren und hochbetagten Patienten uns darauf einstellen, dass unsere „Verschleiß“probleme nicht in eine Ambulanz gehören? Sollen wir uns am besten schon zuhause überlegen, ob wir damit überhaupt eine Ambulanz aufsuchen? Oder sollen wir uns in welcher Form auch immer den unrühmlichen, leider in Bremen geprägten Begriff vom „sozialverträglichen Frühableben“ zu eigen machen? Es gilt nicht, in dieser Sache Schuldige oder ein Fehlverhalten zu finden, sondern es wäre zielführend, die bestehenden Strukturen oder Verhaltensregeln zu hinterfragen und angemessen zu verändern.

Dr. Dirk Mittermeier

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