Altwerden in der Stadt

Kleines Fachwerkhaus im Frühling

(c) frauenseiten, Weerts

Wem es beschieden, der darf alt werden. Es ist im Menschenleben eine ganz besondere Zeit: „frei von – frei für“. Es lohnt, sich darüber Gedanken zu machen, solange man noch voll im Leben steht, zumindest dann, wenn das Aussteigen aus dem Beruf sich ankündigt. Manchmal wird man auch schicksalsmäßig früher damit konfrontiert. Mein Mann und ich wohnten in Bad-Neuenahr-Ahrweiler, hatten das lange gemietete Fachwerkhäuschen gegen eine altersgerechte Wohnung getauscht und fühlten uns dort sehr wohl und gerüstet für das Alter. Dann schlug bei mir total unerwartet ein Augenproblem ein, Diagnose, OP im Klinikum Aachen, Resultat: Nasse Macula-Degeneration, rechtes Auge nicht mehr sehfähig, linkes von Geburt an schwach. Da saßen wir nun, daran hätten wir nie gedacht. Aber Denken hilft und wir waren ja eigentumsmässig und auch familiär nicht ortsgebunden.

Wohnungssuche

Wir suchten zuerst in der Nähe nach geeignetem betreuten Wohnen, gerade in dieser Badestadt reichlich vorhanden. Wie haben wir gestaunt, dass alles Angebotene für zwei Menschen eigentlich zu klein und dazu noch zu teuer war. Ich zählte 63 Lenze, mein Mann 61. Da es bei mir letztendlich auf Nichtmehrsehen zuging, kam ich auf die Idee, sofort auf Suche zu gehen, nicht erst zu warten, bis es akut sei und vor allem auch selber zu suchen, die Kinder gar nicht erst damit zu belasten. Packten wir uns selber weg, konnten wir auch über den gewählten Standort nicht meckern. Also auf und ein Jahr durch Deutschland gereist. An fünf Stellen schauten wir, wohnten Probe, ließen uns eintragen. Es war in der Nähe von Stuttgart, bei Bad Berleburg, Goslar, Flensburg und Bremen. Wieder zu Hause, machten wir alles nochmal schriftlich klar und warteten dann ab.

Wohnumfeld

Ich fragte eines Tages meinen Mann, wo er denn am liebsten hin möchte. Er benannte Bremen, das genau stimmte auch mit mir überein. Unser Sohn wohnte schon in Bremen, den aber informierten wir erstmal nicht. In vielen Urlauben in Fischerhude hatte ich mir diesen Ort zum Altwerden auserkoren. Nun sprachen wir konkret darüber und kamen dann dazu, dass wir als noch nicht zu alte und geistig sehr interessierte Menschen nicht dem stillen Abseits und der so herrlichen Natur den Vorrang einräumen sollten. Wie da zu dem kommen, auf was wir noch nicht verzichten wollten: Theater, Konzerte, Vorträge, Weiterbildung und mehr. Gerade in der kalten Jahreszeit kann dann Abgeschiedenheit auch in eine gewisse Depression umschlagen.

Wahlheimat Bremen

Typische Bremer Häuserzeile

(c) Hans Schnatmeyer

So hofften wir nun wirklich insgeheim auf Bremen. Und in unserem Falle ist es dann Wirklichkeit geworden, dass Wünschen in Erfüllung gehen kann. Hier lag alles nahe, quasi vor der Türe. Mochte das Sehen noch mehr zurückgehen, hier konnte ich mich eingewöhnen. Angebote gab es genug, Kultur-Orte, wenn nicht mehr zu Fuß, schnell mit dem Taxi erreichbar. Ja, nun wohnen wir im 17. Jahre hier und haben keinen einzigen Tag bereut. Im Stift ist die Wohnung für uns beide groß genug, in der Heimstiftung haben wir eine Voranmeldung und das Mittags-Abo nehmen wir vom ersten Tag an in Anspruch. Was alles haben wir auch schon mitgemacht, uns ehrenamtlich beteiligt und tun es so gut es geht weiter. Das volle Leben braust vor unserer Tür. Vieles erreicht uns hier und vieles ist von uns auf kurzen Wegen zu erreichen.

So kann ich auch im Namen meines Mannes voll bestätigen, es ist gut, in der Stadt alt zu werden, dies gilt ganz besonders für Bremen.

Elisabeth Kriechel

  1 comment for “Altwerden in der Stadt

  1. Hedwig
    24. Juni 2018 at 10:52 am

    Ein Plädoyer für die Stadt Bremen! Das höre ich als alte Wahl-Bremerin und als aktive Alte gerne.

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