Zauber des Knusperhäuschens

Fast andächtig schaut das kleine Mädchen in ihrem Sonntagskleid und mit einem akkuraten Haarschnitt in die Kamera. Dabei berührt es nur vorsichtig die große, majestätisch anmutende Puppe, die als Mittelpunkt auf dem Sofa zu sitzen scheint. Ein Kind in den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts, stolz mit seinem Lieblingsspielzeug? Nein, dazu zeigt das kleine Mädchen zu wenig Freude, Stolz und Zuneigung gegenüber ihrem Spielzeug.

Die Schönheit der Puppe selbst ist bemerkenswert. Einmalig nicht nur ihre Größe, sondern auch, wie sie gestaltet ist. Sie besitzt prächtiges langes, dunkles Haar in wunderschöne Locken gelegt, ein bildhübsches Porzellangesicht, in dem die strahlend blauen Augen – von langen, dunklen Wimpern umrandet – auffallen. Sie schließen sich nicht nur, sondern können auch nach links und rechts blicken. Das Kleidchen der Puppe: ein Traum in zartrosa Stoff mit Rüschen am Ausschnitt, am Saum und an den Ärmeln mit schwarzem Samt Band verziert. Die Puppe hat auch eine „Mamastimme“, ein prächtiges Puppenkind, das bei jeder kleinen Puppenmutti das Herz höher schlagen ließ.

Nur warum empfand dieses kleine Mädchen keine Begeisterung für seine wirklich einmalige Puppe?

Es konnte noch nicht wissen, dass seine Oma und sein Opa zu Weihnachten einen beschwerlichen Weg mit der Eisenbahn aus der damaligen „Ostzone“ (ehemalige DDR) von Magdeburg nach Bremen auf sich genommen hatten, um ihrer einzigen Enkelin, dem „lieben Kornelchen“ mit der schönsten und größten Puppe, die sie damals hatten auftreiben können und die ein Vermögen gekostet haben musste, eine Weihnachtsfreude zu bereiten. Das Kornelchen wusste die Puppe aber noch nicht zu würdigen, denn das Spielzeug war einfach zu groß, zu kalt, zu unbeweglich und ganz unhandlich. Wie und was sollte man damit überhaupt spielen?

Kind mit Puppe schw./weiß

(c) Schwaermer, privat

So wandte sich das Interesse an den Weihnachtsgeschenken unter dem Tannenbaum erste einmal einer anderen Sache zu, die recht vielversprechend aussah.

Auf einer Holzplatte hatten meine Eltern ein kleines Knusperhäuschen aus weißer Pappe aufgebaut, das mit leckeren bunten Zuckerkringeln und vielen Schokoladenherzen mit Zuckerguss reichlich verziert war. Hinter den kleinen offenen Fenstern und der halbgeöffneten Tür klebte dunkelrotes transparentes Papier. Figuren aus Plastik vervollständigten das Bild vom Märchen; in der Tür stand eine Hexe, während Hänsel und Gretel noch unschlüssig vor dem prächtigen Knusperhäuschen standen.

Das Beeindruckendste dieser Weihnachtsüberraschung aber war eine winzige batteriebetriebene Lichtanlage im Knusperhäuschen, die mit einem kleinen Schalter angestellt wurde. Das Häuschen wurde somit von innen erleuchtet und durch das rote transparente Papier in den Fensteröffnungen und der geöffneten Tür in magisches Licht getaucht. War das ein Spaß und eine Freude, das Häuschen immer wieder zu erleuchten und zu verdunkeln!. Kornelchen wurde nicht müde, mit ihrem kleinen Zeigefinger das Lämpchen ein- und auszuschalten. Völlig vertieft in ihr neues Spielzeug wurden Nachfragen der Eltern wie „Magst Du denn auch die schöne Puppe?“  mit einem höflichen, aber beiläufigen „Jaaa“ beantwortet und weiter ging es Licht an und Licht aus.

Ein Foto für die Oma

Die Oma kämpfte mit den Tränen, so enttäuscht und traurig war sie, dass die Puppe nicht den Erfolg hatte, den sie erwartet hatte. Das Kornelchen wiederholte zwar noch einige Male, dass sie die Puppe gern leiden mochte, aber diese war gegen das Knusperhäuschen mit der eindrucksvollen Beleuchtung chancenlos.

Es wird deutlich geworden sein, dass ich auf dem Bild das Kornelchen bin, das auf dem Sofa mit dem wunderschönen Puppenkind sitzt. Jetzt bin 65 Jahre alt und freue mich immer noch über die Erinnerungen. Das Foto hat mein Vater wohl für meine Oma gemacht, damit sie wenigsten sah, dass die Puppe gewürdigt wurde. Die Puppe gibt es heute noch, sie sitzt auf einer Kommode und ich kann sie und will sie nicht entsorgen.

Meine Oma ist sehr früh verstorben, ich war erst sechs Jahre alt und konnte ihr deshalb niemals sagen, dass ich sie nicht traurig machen wollte, weil ich ihrem Geschenk nur wenig Beachtung geschenkt habe.

Kornelia Schwaermer

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