Vor 70 Jahren – Sommerferien auf dem Bauernhof

 

Sommerferien auf dem Bauernhof, Mädchen mit Hund, schw/weiß

Die kleine Brise mit Flora (c)privat, Wilhelm Bormann

Wenn man fast achtzig Jahre alt ist, kann man sich ruhig einmal fragen, was schön im Leben war. Ich habe eine Menge Glücksgefühle gefunden.

Von meinen ältesten soll hier die Rede sein: Das waren meine Sommerferien in Eitzendorf bei Tante Luise und Onkel Henry. Von 1949 bis 1952 bin ich jedes Jahr bei ihnen gewesen. Sie wohnten in einem Bauernhaus, mit allen ihren Tieren unter einem Dach. Mit zur Familie gehörten Tante Martha und Knecht Johannes. Später kam Wilhelm dazu, der einzige Sohn, der aus dem Krieg zurück gekommen war. Seine beiden Brüder blieben verschollen. Wilhelm war krank. Er konnte nicht arbeiten. Dafür fotografierte er. Alle Bilder, die ich von meinen Ferien in Eitzendorf habe, hat er gemacht.

Meine Eltern freuten sich auch, dass ich in Eitzendorf meine Ferien verbrachte, denn sie wussten, dass ich dort gut zu essen bekam. In Bremen war das – auch Jahre nach dem Krieg – immer noch nicht selbstverständlich.
Auf meinem Lieblingsfoto (oben) sitze ich mit Hündin Flora auf dem Brunnenschacht vor dem Haus. Flora wollte nicht fotografiert werden. Ich erinnere mich genau daran. Ich musste sie festhalten.
Holzschuhe und Schürze gehörten zu meiner Hofkleidung.

 

Sommerferien auf dem Bauernhof, Mädchen mit Hut auf einem Heuwagen

Kleine Brise als Erntehelferin (c)privat, Wilhelm Bormann

Kinder durften toben

Onkel Henry und Tante Luise waren kinderfreundlich. Sie ließen die Flüchtlingskinder, die auf ihrem Hof mit ihren Eltern einquartiert waren, und mich ungehindert spielen und toben. Beliebt war zum Beispiel Schweineärgern: Wir schoben im Stall die Stallwände zurück, so dass die Schweine meinten, sie würden gefüttert. Das endete immer mit einem ohrenbetäubenden Quietschen. Tante Luise machte alles wieder gut, denn sie wusch die Tiere und ließ sie anschließend in frischem Stroh ihr Nickerchen machen. War das ein schönes Schweineleben….

Ich durfte auch bei der Ernte mithelfen. Die Mähmaschine wurde noch von Pferden gezogen. Ich führte die Pferde, Onkel Henry schob das Schnittgut auf das Feld, wo meine Tanten es bündelten. Wenn die Augustäpfel reif waren, sind wir mit der Kutsche nach Hoya gefahren, um die Äpfel dort auf dem Markt zu verkaufen. Auch dabei konnten sie mich gebrauchen. (Niemals habe ich mit größeren Vergnügen Erwachsenen geholfen.) Die Pferde vor der Kutsche waren auch ein besonderes Gespann. Nach Hoya hin mußte man ihnen manchmal „Beine machen“. Zurück liefen sie fast von allein…

Drei Person in einem Einspänner

Mit Onkel Henry und Tante Martha in der Kutsche, auf dem Weg nach Hoya zum Wochenmarkt (c)privat, Wilhelm Bormann

Nicht alles war erlaubt

An das erinnere ich mich auch noch: Hühner und Gänse durften wir Kinder nicht jagen. Das war schade, denn sie machten beim Davonlaufen und Hochflattern einen so schönen Lärm. Freitags wurde ich mit einem Blumenstrauß aus dem Garten zum Friedhof geschickt, um das Familiengrab zu schmücken. Was waren das noch für schöne Familienbande: Das denke ich manchmal, wenn ich wieder eine Rechnung für die Pflege von unserem Familiengrab bezahle. Das Familiengrab liegt in einer anderen Stadt. Ich habe es schon lange nicht mehr besucht.

Hausarbeit sah damals auch ein bisschen anders aus. Tante Martha buck noch das Brot für die Familie. Dafür mussten die Männer jedesmal den Ofen im Backhaus heizen. Dafür nahmen sie Holz vom Hof. Mich hatten sie einen Tag vorher zu den Nachbarn geschickt. „Henry backt“, brauchte ich nur zu sagen und jeder wusste, dass er seinen Kuchen zum Backen bringen konnte.
Melken und reiten habe ich nicht gelernt. Ich hatte Angst vor den großen Tieren.

Toleranz gegenüber Flüchtlingen

Froh war ich immer, wenn die Bremer Sommerferien im August waren, denn dann konnte ich Tante Luises Geburtstag mitfeiern. Dort habe ich zum ersten Mal einen Kaffeetisch voller Torten gesehen. Diese Auswahl! Gäste waren meist Verwandte, denn Tante Luise und Onkel Henry hatten eine große Zahl von Brüdern, Schwestern mit Kindern und Enkelkindern. Der evangelische Pastor war in diesem Haus auch ein gern gesehener Gast. Er hatte es erlaubt, dass die Flüchtlinge, die meist katholisch waren, in seiner Kirche ihr Gemeindeleben führen konnten. Ich bin bei ihnen gern in den Kindergottesdienst gegangen. Das war ein bisschen ungewöhnlich, denn Katholiken wurden nicht überall mit offenen Armen empfangen…

Das waren meine glücklichen Tage in Eitzendorf. Die Nachfahren der Familie leben immer noch in dem Bauernhaus. Tiere sind nicht mehr auf dem Hof. Wiesen und Äcker sind verpachtet. Das Geld zum Leben wird in der Stadt verdient. Manchmal besuchen wir uns. So, wie es zu einer lebenslangen Liebe passt.

Eitzendorf ist (heute) ein Ortsteil der Gemeinde Hilgermissen in der Samtgemeinde Grafschaft Hoya im Landkreis Nienburg/Weser in Niedersachsen. (Wikipedia)

Kleine Brise

  3 comments for “Vor 70 Jahren – Sommerferien auf dem Bauernhof

  1. Ellen
    4. März 2018 at 4:59 pm

    Hallo, kleine Brise, bei uns gehörte auf den abgemähten Kornfeldern noch „Drachen steigen lassen“ dazu. Die Drachen waren damals aus Zeitungspapier (wirklich) und stiegen sogar in die Lüfte. Die Jungens hatten sie selber gebastelt. Und dann wurden Feuerchen gemacht und darin Kartoffeln geschmort; die schmeckten schrecklich und herrlich zugleich.

    • Kleine Brise
      4. März 2018 at 6:08 pm

      Wir hatten auch noch ein Spiel: barfuß über die abgemähten Kornfelder laufen. Das tat höllisch weh und war eine richtige Mutprobe! Kleine Brise

      • Susanne
        7. März 2018 at 12:10 pm

        Durch das Barfußlaufen auf den Stoppelfeldern hieß meine Schwiegermutter früher „Stoppelhopser“. Noch lange Zeit, als Erwachsene wurde sie von ihren Geschwistern so genannt. Susanne

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.