Totale Digitalisierung bleibt wohl ein Träumchen!

Wie man hört, ist Deutschland im Fach Digitalisierung noch nicht Klassenprimus. Aber die Politik versichert, man wolle alles tun, um den Anschluss an andere Länder herzustellen. Sicher ist, dass sich weitere Digitalisierung nicht aufhalten lässt, aber es gibt schon jetzt Vorstellungen über die Nutzung dieses Prozesses, die an der Realität vorbeigehen. Das betrifft vor allem die älteren Menschen in unserem Land.

Digitalisierung, Lesbarkeit von Internetseiten, Frau vor einem Monitor

(c) bremen.online AEC

Es wird häufig behauptet, zuletzt von der Bremer Sparkasse, dass die nachwachsende ältere Generation spätestens in fünf Jahren keine Probleme mehr mit digitalisierten Geldgeschäften habe, weil dann alle den professionellen Umgang mit der PC – Hard- und Software beherrschen. Das wäre zwar für die Rationalisierer wünschenswert, bleibt aber wahrscheinlich nur ein Träumchen.

Man kann vielleicht alles digitalisieren, aber eins wird man vorläufig wohl noch lange nicht können, nämlich den Prozess des Alterns mit allen seinen Kriterien zu verhindern. Das Altern mag zukünftig später als vor 50 Jahren eintreten, aber ausschalten lässt es sich nicht. Selbst dann, wenn man sich einfrieren ließe, dürfte man davon ausgehen, dass nach dem Auftauen auch das Altern wieder einsetzt. Und damit ist und bleibt das Altern eine bittere Realität und ein Problem in einer digitalisierten Welt.

Digitalisierung, Hände auf der Tastatur

(c) Gerd Feller

Das Alter bleibt ein Faktor

Es gibt schon heute viele ältere Menschen, die bereits seit den Anfängen der Computerisierung in diesem Bereich mitgearbeitet haben, also von der Materie einiges verstehen. Trotzdem beklagen sie, dass ihre Schwierigkeiten beim Umgang mit PC, Internet und all diesem Digitalkram zunehmen, und zwar eben aus Altersgründen.

Da macht sich zum Beispiel das kleine oder auch das große Vergessen bemerkbar (vgl. DURCHBLICK Nr.216). Programmteile ändern sich laufend, so dass man sich über ständige Fortbildung anpassen müsste. Gebrauchsanweisungen sind meistens nur für junge Profis verständlich, und selbst dann, wenn man sich für die Nutzung der digitalen Möglichkeiten einen Zettelkasten anlegt, verliert man im Alter leicht die Übersicht. Und wer möchte nach einem langen lern- und arbeitsreichen Leben auch noch im Ruhestand ständig Fortbildung betreiben, wissend, dass Lernen im Alter oft wenig nachhaltig ist?

Computer-Kabelsalat

(c)barckhausen

Da tauchen ernstzunehmende Schwierigkeiten mit den Augen oder auch mit den Gelenken auf. Die Digitalisierung erzwingt ja nicht nur die Arbeit am Bildschirm, sondern fordert auch mehr Bewegung von Fingern und von Beinen. Oft quält die Arthrose, und aus Gründen der Rationalisierung und Digitalisierung werden in Wohnquartieren naheliegende Versorgungsstandorte aufgelöst. Es entstehen längere, oft auch kostspieligere Wege. Man denke nur an den Internethandel, den Abbau der Bankfilialen und das Verteilungssystem der Postdienste. Von all dem fühlt man sich immer häufiger nur noch veralbert und irregeführt.

Da zeigt sich immer häufiger die natürliche Ungeduld des Alters. Die Abwehr gegen den anwachsenden Zeitaufwand bei der Bedienung eines digitalen Systems nimmt zu. Außerdem müssen sich die Nutzer/innen inzwischen mit einem Werbemüllberg herumschlagen, der teils auch irritierende Aussagen über die Sicherheit des eigenen PCs enthält und auf lästige Art Sicherheitsangebote aufdrängt. Ärgerlich, zeitaufwändig, demotivierend! Die Unlust, sich überhaupt auf den PC oder auf Automaten einzulassen, wächst mit zunehmender Digitalisierung.

alte Frau mit Stock

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Entwicklung aufmerksam verfolgen

Da gibt es im Zusammenhang mit Digitalisierung auch immer häufiger Suchtopfer in allen Altersstufen, die man sicher nicht heilt, indem man sie weiter der Digitalwelt ausliefert. Es baut sich allmählich allgemein Angst vor der Digitalisierung auf, vor allem auch bei denjenigen, die sich auf dem Gebiet nicht nur mental, sondern auch finanziell unzureichend engagieren können. Zu den Macken des Alterns gesellen sich oft prekäre Arbeitsverhältnisse und niedrige Renten. Da werden dann Menschen abgehängt. Die Armen und Alten könnten die Verlierer des Digitalisierungstrends werden.

Dass insbesondere die Alten in Zukunft den Digitalisierungsprozess problemlos bewältigen, das wird eben ein Träumchen bleiben. Die Seniorenvertretungen sollten die Entwicklung aufmerksam verfolgen und gegen die Lobby der Digitalisierung antreten, wenn sich Nachteile für ihre eigene Klientel einstellen. Dazu gehört auch, dass die Informationswege für ältere Menschen nicht total digitalisiert werden, sondern Formen von Printmedien gesichert bleiben. Alles andere wäre der Altersdiskriminierung zuzuordnen.

Gerd Feller

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