Ist „alt“ eine Beleidigung?

Viele Senioren wollen nicht als alt gelten. Dem haftet immer noch etwas Negatives an: abgeschrieben, auf dem Abstellgleis.

Zwei Beispiele

bedrohte Frau mit Maske

(c) frauenseiten.bremen

Auf einer Messe wollte ich für den „Seniorenlotsen“ werben. Dafür sprach ich gezielt ältere Leute an. „Woher wissen Sie, dass ich Senior bin?“  fragte Einer. Ein Anderer: „So weit bin ich noch nicht.“

Im letzten Nordsee-Urlaub lernte ich eine 80 Jahre alte Dame kennen. Mit der Zahl ihrer Jahre habe sie keine Schwierigkeiten. Aber nein, alt sei sie nicht. Sie meinte das negative Klischee von alt.

Ist als alt zu gelten eine Beleidigung?

Vieles lebt mit uns

Alt ist heute anders, Schöne Menschen Alte Frau mit Hantel

(c) fotolia; olly

Dabei können wir stolz sein auf uns. Wir wollen vorkommen in der Gesellschaft. Unsere Generation hat eine neue Kultur für das Alter entwickelt. Wir haben politische Interessen, sind unterwegs. Jawohl, auch abends sind wir unterwegs. Vieles lebt mit uns und durch uns. Es hätten viele Kultur-Institutionen ohne uns Alte magere Besucherzahlen. Zum Beispiel die „Bremer Filmkunst Theater“ oder auch Literatur-Veranstaltungen. In den Parteien sind wir in altenpolitischen Arbeitsgruppen. Bei politischen Demonstrationen zeigen wir unsere Meinung. Wir arbeiten ehrenamtlich. Viele unterstützen ihre Kinder und betreuen die Enkelkinder. Auch Großväter schieben heutzutage die (Enkel)-Kinderkarre.

Wir hatten gute Voraussetzungen

Es stimmt schon: Viele von uns, besonders Frauen, hatten andere Voraussetzungen als unsere Eltern-Generation. Wir waren berufstätig. Kindererziehung wurde neu buchstabiert. Manche bewegten sich in den siebziger oder achtziger Jahren auf dem Zweiten Bildungsweg. Viele wechselten ihren Beruf. Wir profitierten von der offeneren Gesellschaft und auch vom Frieden, ja vor allem davon.

Alt ist heute anders

„Was, Sie sind schon 75?!  Das hätte ich nicht gedacht.“ Das hörte eine Freundin neulich.

Ich frage mich: Wie soll denn siebzig aussehen????? Irgendwie unansehnlich, vielleicht bemitleidenswert, nicht bemerkenswert?

Meine Freundin konterte geschickt: „So sieht siebzig heute aus!“

Elfie Siegel

  4 comments for “Ist „alt“ eine Beleidigung?

  1. Marie Rademann
    2. Februar 2018 at 3:37 am

    Den letzten Satz merke ich mir! Mir wollte man neulich nämlich nicht glauben, dass bei mir nichts „geliftet“ wurde.
    Marie

  2. Herzog
    2. Februar 2018 at 3:03 pm

    Ich ärgere mich immer wieder, wenn man mich als 72jährige mit
    junge Frau betitelt, ich habe gesagt, sie sehen doch, ich bin nicht mehr jung.
    Ich glaube in Zeiten des Jugendwahns dürfen wir nicht alt aussehen.
    Ich stehe zu meinem Alter, meinen Macken und meiner Lebensge-
    schichte, Wir Oldies sollten selbstbewußt zu unserem Alter stehen.

  3. Emma
    19. Februar 2018 at 11:57 am

    Seit jüngere Gesprächspartner mir gern von ihren Eltern erzählen, wie die sind, was sie machen, wie sie denken, weiß ich, dass man mir meine Jahre ansieht. Ich finde das schön. Denn wenn Jüngere nicht gerade ein Problem mit ihren Altvorderen haben, sondern sie mögen, akzeptieren sie auch uns, alle die 65+ und mehr…
    Mir ist egal, ob mein Gegenüber meine Falten zählt oder eventuelle Jahresringe. Was mich bedrückt, sind jene, die nun schon gehen müssen oder gegangen sind, egal, wie alt. An ihnen hänge ich, nicht an meiner Jugend. Beklemmend ist doch nur, dass – je älter man wird- der Freundes/ Bekanntenkreis kleiner wird und auch die Möglichkeiten, sich weiterhin nach alter Gewohnheit zu treffen.
    Übrigens…was ist schon Alter, die Steigerung ist immerhin ‚ älter’…

  4. Ellen
    24. Februar 2018 at 2:59 pm

    Heute am Gemüsestand auf dem Ökomarkt. Ich kaufe Shiitake-Pilze. Die junge Verkäuferin: „Man sagt, wenn wir diese Pilze regelmäßig essen, werden wir hundert Jahre alt.“ Ich: „Oh, dass will ich gar nicht. Dann sind ja alle meine Freunde und Freundinnen verstorben. Geben Sie mir lieber Champignons….“ (Die Champignons waren nur ein Scherz). Die junge Frau schaut mich an: „Das hatte ich mir bisher noch gar nicht überlegt, dass Hundertjährige dann weitgehend ohne ihresgleichen leben müssen.“

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