Das Mittwoch-Rätsel – Ausgabe 6

Gräfin Emma, Fensterbild

(c) H.Schnatmeyer

Bremer Geschichte – von einer Stadtführerin ins Gespräch gebracht. In dieser Folge steht eine Frau im Mittelpunkt.

Rund um den Bremer Roland kann man die Geschichte der Stadt am schnellsten kennen lernen. Dazu muss man sich nur einmal um sich selbst drehen. Wer mehr sehen will, spaziert auch noch durch die Böttcherstrasse und geht zum Schnoor. Amüsanter ist es, den Rundgang mit rätselhaften Spuren zu versehen. Thea, seit zehn Jahren Stadtführerin, hat wieder eine neue gelegt. Diesmal redet sie in ihrer Phantasie mit einer Frau, die vor fast 1000 Jahren lebte und in Bremen bis heute unvergessen ist. Der Name dieser Frau ist die Lösung zu diesem Rätsel.

Ihr Interview

Glasfensterbild einer Frau im Mittelalter

By Jürgen Howaldt (Own work) CC BY-SA 2.0 de, via Wikimedia Commons

Gnädige Frau, ich stehe hier vor Ihnen, weil ich ein schlechtes Gewissen habe.

Sie möchten mir Ihr Herz ausschütten? Erwarten Sie nicht zu viel von mir. Ich bin keine Heilige.

Das sagen Sie so einfach. Vor zwei Stunden habe ich Besucher aus Bochum durch Bremen geführt und die wollten unbedingt das Kirchenfenster sehen, in dem Sie abgebildet sind. Und ich hatte keine Ahnung, wo Sie zu finden sind!

(Lächelt ein bisschen) Ach, dann war das die Gruppe, die hier durch das Kirchenschiff eilte. Und Sie waren es, die mich dann erkannte. Aber warum war es gerade eine Gruppe aus Bochum, die nach mir suchte?

Sie sind die Stifterin der späteren Wallfahrtskirche in Stiepel bei Bochum. Und dort weiß man, dass Sie in St. Johann in einem Kirchenfenster dargestellt sind. Und zwar als Heilige, wie jeder in Ihrem Kirchenfenster lesen kann. Außerdem hat Walter Klocke, der die Fenster zwischen 1955 und 1958 geschaffen hat, die Stiepeler Kirche zu Ihren Füßen abgebildet..

Gütiger Himmel. Und die Fische in meiner Hand? Was bedeuten die? Vielleicht sollen sie daran erinnern, dass ich auch Bremen beschenkt habe?

Vielleicht. Aber eher glaube ich, dass sie ein Hinweis auf Ihre Heiligkeit sind. Denn Fische gelten als Symbol für Heiligkeit. Dazu kommt, dass Sie in der katholischen Kirche St. Johann im Chorfenster abgebildet sind. Wenn das kein Platz für eine Heilige ist!

Wie schön, dass Sie vor mir stehen und mir das so erklären. Gibt es auch ein Dokument darüber?

Ich habe keins gefunden. Ihre Heiligkeit bezeugt der Glaube der Katholiken.

Ich bin gerührt. Was habe ich getan?

Sie haben als Gräfin Emma von Lesum den Bremern ganz viel Land geschenkt. Zum Beispiel die Bürgerweide. Und nun hören Sie mal, was die Bremer alles getan haben und noch tun, um an Ihre Güte zu erinnern: Sie haben Straßen in Schwachhausen und Lesum nach Ihnen benannt, eine Straßenbahnhaltestelle trägt Ihren Namen, Thomas Recker hat Ihnen zur Ehre eine Plastik geschaffen, im Bürgerpark wurde ein See und eine Bank nach Ihnen benannt, und der rührige Lesumer Heimatverein sammelt gerade Geld, damit Ihnen ein Denkmal am Aufgang zur Lesumer St. Martini Kirche gesetzt werden kann. Und das ist eine protestantische Kirche! Allerdings nennt man Sie in Bremen nicht Heilige sondern Gräfin.

Sehr richtig. Die bin ich ja auch gewesen. Aber geschieht das alles – fast 1000 Jahre nach meinem Besuch zu Bremen – weil ich den Bremern Land für ihr Vieh geschenkt habe, das ein Krüppel an einem Tag umrundet hat? Und das heute zum Bürgerpark gehört?

Ja, und das ist noch nicht alles. Auch der Krüppel hat ein Denkmal erhalten. Er liegt zwischen Rolands Füßen. Jedenfalls erzählen das manche Stadtführer und Stadtführerinnen gern. Ich allerdings nicht. Das ist mir zu märchenhaft..

Nun seien Sie mal ein bisschen gütig. Der Mann hat schließlich sein Allerbestes gegeben.

Ich werde es mir überlegen.

Backsteinkirche

von Jürgen Howaldt (Own Work) CC BY-SA 2.0 de, via Wikimedia Commons

Darf ich Sie jetzt bitten, das Gespräch zu beenden? Dort kommt schon wieder eine Reisegruppe, die vermutlich Lärm machen wird. Manchmal frage ich, wo der Respekt vor dem Gotteshaus bleibt. . .    Nur ein kleiner Hinweis noch: In Stiepel schreibt man meinen Namen am Anfang mit einem anderen Vokal als in Bremen üblich, nämlich mit einem I. Auch dort tragen eine Straße, Kirche, Schule und ein Kindergarten meinen Namen – aber mit I ! Das hat mir ein Bochumer erzählt.

Ich danke Ihnen für das Gespräch. Zum Schluss nur noch eine Frage: Stimmt es, dass Sie im Bremer Dom begraben wurden?

Diese Frage können Sie mir nun wirklich nicht stellen. Kein Mensch weiß, wo nach seinem Tod sein Körper bleibt. Auch ich nicht!

Das war gedankenlos von mir. Verzeihung. Aber die Vermutung gibt es, dass Sie im Bremer Dom bestattet wurden.

Ach, ja? Nun gut: Wenn der Geschichte Quelle schweigt, raunt tief im Born die Sage.

Wie heißt die Wohltäterin, die vermutlich 1038 gestorben ist?

Gertrud die Große, von Helfta
Emma von Lesum
Die heilige Ursula

Das Farbfenster trägt den Namen der Adligen. Man findet das Fenster in der Kirche St. Johann. Die Backsteinkirche liegt am Eingang zum Schnoor. Die anderen Erinnerungsorte sind (wenn man den Namen weiß!) schnell gefunden. Noch mehr Informationen bietet Wikipedia. Auch Wilhelm Tacke hat sich eine Menge Gedanken über diese Frau gemacht, nachzulesen in seinem Buch „St. Johann in Bremen“. Edition Temmen, 2006.

Bis bald Thea

Helga Schnatmeyer

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