Auf einem Bein ist nicht gut stehen

langsam, Geschnitzter Holzfuss von unten

(c) Annabell karbe

Die Alte Dame war, was man damals eine respektable Frau nannte. Ihr Mann war ein Doktor und Leiter eines anerkannten Internates in der Stadt gewesen. Sie musste nicht nur repräsentieren. Früher hatte sie auch täglich mit einer wilden Schar pubertierender Schüler umgehen müssen, sie anleiten und erziehen. Also war sie eine Respektsperson – fast so wie ihr Mann. Meine kleine Geschichte spielt vor etwa 100 Jahren, was erklärt, dass sie die „Frau des Doktors“ war und eben nur „fast so respektabel“ wie er.

Wenn wir heute auf die Anfänge des letzten Jahrhunderts zurückblicken, sind wir geneigt uns diese Zeit als gemächlich, bedächtig und vielleicht sogar umständlich vorzustellen. Vor allem aber muss sie viel langsamer und weniger hektisch als heute gewesen sein. Den Zeitdruck unserer Tage scheint damals niemand gekannt zu haben…

Unbequem

Schrittgeschwindigkeit, Joggerin springt über eine Pfütze

(c) gesche.online ; Karen Schumann

Jedoch zeigt eine in der kleinen Stadt immer wieder erzählte Anekdote zu beweisen, dass nicht jeder oder jede dieses Geschenk der Gemächlichkeit unbedingt zu schätzen wusste:

Unsere respektable alte Dame wurde nie im langsamen Schritt gesichtet. Sie schien fast zu rennen wenn sie sich fortbewegte, wenn sie auch dabei nie den Eindruck von Eile und Gehetztsein machte. Von den Schülern des Internats auf ihre Schrittgeschwindigkeit angesprochen, soll sie geantwortet haben: „Warum soll ich unnötig lang auf einem Bein stehen?“

War sie möglicherweise zu bequem, um langsam zu gehen?

Ich habe vor einiger Zeit gelesen, dass Menschen, deren natürliche Schrittgeschwindigkeit relativ schnell ist, statistisch länger leben als die langsamen „Schlurfer“. Die alte Dame in unserer Geschichte wurde immerhin 96, was zu der damaligen Zeit schon eine kleine Leistung war.

Antoni Heckel

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