Bratkartoffeln und Apfelmus

Enkelin auf dem Schoß des Großvaters

(c) I. Anziferow

Als Kind gab es für mich nichts Schöneres, als den Erzählungen meiner Oma zu lauschen, wenn sie von der guten, alten Zeit berichtete.

Einen Fernseher gab es in ihrer Stube noch nicht, aber die Geschichten, die meine Großmutter zu erzählen wusste, waren viel spannender. Wenn im Herbst draußen auf dem Feld die Arbeit erledigt war und Oma sich abends gemütlich im Sessel zurücklehnte, hockten wir Kinder uns auf einen kleinen Schemel zu ihren Füßen und lauschten.

Und während Großmutter fleißig neue Wollsocken für Opa strickte, erzählte sie Geschichten aus einer völlig anderen Zeit. Aus einer Zeit, in der auch Kinder arbeiten mussten. Für meine Oma und ihre sechs Geschwister war es selbstverständlich, bei der Küchenarbeit zu helfen. Schon früh lernte sie, wie man ein Brot backt oder den Ofen anheizt. Sie erzählte von Vätern, die aus dem Krieg kamen und keine Arbeit hatten – und von dem alten Haus, am Rande des Waldes, in dem meine Großeltern lebten.

Ich kann mich gut an dieses Haus erinnern

Ast mit roten Äpfeln

(c) Elfie Siegel

Als Kinder haben meine Geschwister und ich dort oft ihre Ferien verbracht. Das kleine Haus stand abseits der Dorfstraße und wurde eingerahmt von einem wunderschönen Garten mit vielen alten Obstbäumen. Neben der verwitterten Haustür blühte ein weißer Fliederbusch, der im Frühjahr tausende von Bienen anlockte.

Wenn die Sonne durch die Blätter der knorrigen Apfelbäume drang, malte sie bunte Kringel auf die weiße Hauswand. Oft saß ich als Kind auf der alten Holzbank vor dem Hühnerstall und schaute diesem Farbenspiel zu. Ich versteckte mich auf dem Heuboden und beobachtete durch die Ritzen im Mauerwerk die flinken Eichhörnchen, die in den Baumwipfeln herumturnten. Im nahe gelegenen Wald sammelten meine Geschwister und ich Moos, um daraus unzählige Osternester zu bauen. Und wenn wir abends müde und hungrig nach Hause kamen, duftete es aus der Küche nach Bratkartoffeln und frischem Apfelmus. Meistens saß Großvater bereits am Tisch und blickte uns über den Rand seiner Brille tadelnd entgegen, wenn wir beim Spielen wieder einmal die Zeit vergessen hatten. Doch das Blinzeln seiner Augen verriet mir, dass er uns nicht böse war.

Und wenn Oma uns zum Nachtisch ein Brot dick mit  Margarine bestrich und Zucker darauf streute, war die Welt für uns wieder in Ordnung. Wir fühlten uns geborgen – in dieser kleinen, heilen Welt. Die Ferientage bei meinen Großeltern gehören zu meinen schönsten Kindheitserinnerungen.

Der alte Pflaumenbaum, der im Sommer zuckersüße Früchte trug und im Herbst nach der Ernte, zum Klettern einlud, steht noch heute am Rande der Straße. Wie  früher streckt er seine knorrigen Äste der Sonne entgegen. Noch immer esse ich Bratkartoffeln mit Apfelmus für mein Leben gerne, doch hat es nie wieder so gut geschmeckt, wie damals in der Küche meiner Großeltern.

Als meine Großeltern starben, ist die Welt um mich herum etwas kälter geworden. Sie kommt halt nicht zurück – die gute, alte Zeit …

Helga Licher

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