Zweiter Advent – Gedichte

Zweiter Advent – Heute zünden wir nun das zweite Licht an am Adventskranz mit dem etwas anderen lyrischen Kalender von Irmtraut Hansemann, der immer durch eine überraschende Prise Humors besticht.

Zweiter Advent Kranz mit zwei brennenden Kerzen

(c) hhs

Wir öffnen die Türen vom 6. bis zum 12 Dezember alle auf ein Mal:

 

Engel

Mein privater Engel

Wer sonst backt Brot
im Abendrot,
versucht Ärger für mich
zu vermeiden.
Kennt keinen faulen Kompromiss
Schlichtet jeden Streit.
Ist immer für einen
neuen Start bereit.
Managt mit Übersicht
jede Krise,
pflegt meine Aura,
ist sehr gescheit.
Geistert ständig,
unsichtbar,
in meiner Nähe
nach dem Motto:
Allzeit bereit!

 

Basare

Basare, Basare, Basare!
Unser Eingeständnis an
das Orientale.
Die heiligen drei Könige
machten einst eine lange Reise.
Brachten Gaben auf ihre Weise.
Uns macht der
Weihnachtsmarkt heute selig.
Dort werden Preise verglichen,
königliche, kindliche
Wünsche gestrichen.
Ruhe – keine Hektik,
kein Handeln, kein Zetern,
das Orientale in uns ist
fast vergessen.
Es erscheint erst wieder,
ganz zaghaft,
wenn wir mit Heißhunger
einen Döner
essen.

 

Frage

Der Bursche,
auch sein Hund,
betteln.
Den Blick
ganz matt und trotzig.
Die Nase
rot und rotzig,
sitzt er in der Kälte.
Doch er soll
verschwinden,
er stört das Bild.
Hat schlechte Noten,
keine Quoten.
So kurz vor dem Fest
will jeder nur gut sein
wirft einen Euro
in die Jutetasche.
Es gibt kein „Danke“
Er hebt nur zwei Finger.
Das ist seine Masche.

Die Frage: Wie viel ist denn
in der Tasche
Die Antwort: Genug für eine
neue Flasche.

 

Spender

Du – die Meyerdirks
sind wieder voll!
Die Weihnachtsfeier
war wohl toll
im feinsten Club
der Stadt,
in der er gute
Beziehungen hat.
Dort ist er ein Spender,
ein Geber.
Immerhin, wenn sie
weiter so trinken,
brauchen sie selbst bald
eine neue Leber

 

SUCHT

Hinter rissigen
Lippen
wälzt sich ein
Wort
laut los
SUCHT
einen Ausweg
Stürzt ab
in der Kehle
Einem hochprozentigen
Schluck
entrinnen
unmöglich
SUCHT

 

Leise rieselt der Schnee

Kokain
statt Schnupftabak
Alkohol
und Rauchertod

Armenbrot
kein Weihnachtsbraten
geschenkte Worte
bleiben hohl

Aufschwung nur
in kleinen Raten
Suppenküche
bietet Kohl

Leise rieselt der Schnee

 

Die Tanne

Noch fühlt sie sich
als Diva.
Ist stolz auf ihren
Wuchs.
Die Nadeln tief ins
Grün getaucht,
die Zweige gut geputzt.
Es ist ein Abschied,
Makulatur.
Diese Schönheit ist
morbid.
Sie wurde durch
unsere Wünsche
erschlagen.
Der Mörder sang ein
Weihnachtslied.

Irmtraud Hansemann

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