Die Sache mit dem Duzen…

Enkelin auf dem Schoß des Großvaters

(c) I. Anziferow

Seit einiger Zeit spricht mich von vielen Litfaßsäulen aus jemand an, jedenfalls fühle ich mich angesprochen. Und dies aus zwei Gründen: erstens ist die Anrede nur an die männlichen Mitmenschen gerichtet und dann lese ich auch noch: EY Alter!

Was soll ich davon halten? Habe ich mich doch schon schweren Herzens an so manche neumodische Anrede gewöhnen müssen; aber dies geht mir denn doch zu weit. Es gibt ja kaum noch einen Arbeitskreis der sich neu formiert, wo nicht gleich von irgendjemand vorgechlagen wird: wir „duzen“ uns doch, oder? Dies „oder“ ist aber eine reine Floskel, denn es wird vorausgesetzt, dass man/frau sich duzt.

Ich bin aber altmodisch; bedeutet doch das „DU“ für mich immer noch etwas Besonderes. Es beinhaltet Nähe und Vertrauen…für mich.

Ein Name ist mehr als nur ein Name

Als mein ältester Enkel so in die Pubertät kam, fragte er mich ganz forsch: Granny, was hälst Du davon, wenn ich Gisela zu Dir sage?“ Ich brauchte gar nicht lange zu überlegen und verneinte; nicht ohne zu erläutern, dass er sich ja durch eine andere Anrede auch die Großmutter nehmen würde. Das sah er ein; erst recht als ich noch hinzufügte, wie das denn wäre, wenn er auch seine Eltern mit Vornamen anspräche. Ja, das wolle er auch, war seine Antwort. Und wieder entgegnete ich: dann hast Du keine Eltern mehr, sondern „nur“ noch Freunde.

Es gab ein langes, gutes Gespräch mit dem Fazit, dass alles so blieb.

Nun sind fast 15 Jahre vergangen, wir reden öfter über dieses Thema; er sieht das heute mit seinen 27 Jahren doch ganz anders. Und die Gespräche die wir so miteinander haben, wären meines Erachtens unter den damals gewünschten Vorzeichen so wohl kaum möglich. Und ein „Ey Alte“ können wir uns beide überhaupt nicht vorstellen.

Manchmal ist ein alter Zopf eben doch nicht gar so unmodern.

Gisel E. Walther

  3 comments for “Die Sache mit dem Duzen…

  1. Hedwig
    4. Dezember 2015 at 10:29 am

    Hallo, Frau Walther, ich kann Sie gut verstehen. Aber: Es kommt darauf an, was wir gewohnt sind und wo wir uns befinden. In meinem Singkreis duzen wir uns. Aber eine von uns wollte das nicht. Und wir reden sie nun alle mit ihrem Namen an. (Sie hat auch noch einen Doppelnamen.) An meinem Arbeitsplatz hatten wir uns alle geduzt – von der Chefin bis zum Zivi. Aber: Mein Friseur siezt mich und ich ihn auch, obwohl sonst auch gegenüber Kundinnen das Duzen „in“ ist. Das Siezen mir gegenüber finde ich angemessen, weil ich wohl zirka 30 bis 40 Jahre älter bin.

  2. Georg Th
    4. Mai 2018 at 8:19 pm

    War es nicht so, dass Bremer, (außer auf völlig unvergleichbaren Sozialebenen) traditionell ohnehin duzen? Ich meine mich sogar zu erinnern, dass es einen Freispruch vor Gericht für ein freundliches „Du“ zum Schupo gab…?

    Am Arbeitsplatz (kaufmännisch), im Sportverein, im Kurzwellenfunk, unter Motorradfahrern, auf See, in meiner Nachbarschaft (bürgerliches Umfeld), und rund umen Freimaak kenne ich das (durchaus sehr respektvolle) Duzen unter Fremden auch.

    Für mich ist das Duzen sogar der Ausdruck einer gewissen Nähe und Solidarität, ganz ohne den Respekt missen zu lassen.

    • Dorothee
      5. Mai 2018 at 2:26 am

      Ich mag das Duzen immer noch nicht. Mein Beispiel: Wir duzen uns im Sportkursus. Ich kenne also nur den Vornamen der Teilnehmer und Teilnehmerinnen. Ich weiß nichts von ihnen. Würde ich ihren Nachnamen kennen, könnte ich ein wenig „Nachbarschaft“ herstellen. Für mich wäre das ein Gewinn.
      Dorothee

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