Er wollte keine neue Kirche gründen

Auf Martin Luthers Spuren in Wittenberg.

Am Sonnabend,  31. Oktober, feiern die evangelischen Christen den Reformationstag.

Kirche im Scheinwerferlicht

Wittenbergs Stadtkirche St. Marien. Hier hat Martin Luther die ersten Gottesdienste in deutscher Sprache gefeiert. (c) hhs

Mit diesem Gedenktag wird an das Thesenpapier erinnert, das Martin Luther im Jahre 1517 in Wittenberg  am Portal der Schlosskirche veröffentlicht haben soll. Mit seinen 95 Thesen kritisierte Martin Luther den Ablasshandel in der damaligen Kirche. 2017 jährt sich der Tag zum 500. Mal und soll natürlich von der Evangelischen Kirche gebührend gefeiert werden. Ich war jetzt schon neugierig und bin  nach Wittenberg gefahren. Dabei habe ich eine Menge Neues gelernt. So fing es an:

  • Wittenberg heißt seit 1938 amtlich Lutherstadt Wittenberg. Dieses Lehrstück hat mich eine Menge Zeit gekostet, denn Wittenberg ohne Zusatz habe ich in unserem Autoatlas nicht gefunden…
  • In Wittenberg laufen die Vorbereitungen auf das Jubiläumsjahr auf vollen Touren. Die Schlosskirche ist wegen Renovierungsarbeiten  geschlossen, auch der Bahnhof wird umgeräumt. Dafür ist die Stadtkirche fast fertig saniert.
  • Beide Kirchen haben in Martin Luthers Leben eine große Rolle gespielt. An der Schlosskirchentür soll er am 31. Oktober 1517 seine 95 Thesen angeschlagen haben. Doch heute ist sich die Forschung ziemlich sicher, dass das gar nicht passiert ist. Sicher ist, dass Luther sein zorniges Thesenpapier an den zuständigen Erzbischof Albrecht sandte.

Was empörte den Mönch Martin Luther so? Es war das Ablassgeschäft der Kirche. Sie versprach zum Beispiel den reuigen Sündern, dass ihre Strafen vor Gott  gelindert würden (nicht gesühnt), wenn sie Geld spendeten. Strafnachlass konnte es aber auch auf andere Weise geben: So konnte man  die Strafe im Fegefeuer verringern, wenn man in der Wittenberger Schlosskirche den Gottesdienst besuchte (hundert Tage pro Kirchenbesuch).

Ein Satz  aus dem Protestschreiben:

Man soll die Christen lehren: Wer einen Bedürftigen sieht und ihm nicht hilft, und statt dessen sein Geld für Ablass gibt, der hat sich nicht des Papstes Ablass, sondern Gottes Zorn erworben…

  • Seine Thesen wurden in kurzer Zeit in vielen europäischen Städten bekannt. Auch Hanseatische Kaufleute verbreiteten seine Schriften. Das muss ich hier erwähnen, weil schon 1522 – fünf Jahre später – ein Augustinermönch in Bremen in der St. Ansgarikirche eine Predigt hielt und dabei die Gedanken Luthers erläuterte. Bremer Ratsherren hatten ihn dazu eingeladen. Die Domherren haben protestiert.
  • Luthers Anliegen sprach viele Menschen an. Er wollte keine neue Konfession, sondern nur den Anspruch erfüllt sehen, dass alle Christen gleich sind. Sie sollten am Kirchenleben teilnehmen. In der Wittenberger Stadtkirche predigte er Deutsch, in der Muttersprache der Gläubigen, nicht in Latein, erfand das Gemeindelied und vereinfachte die Gottesdienstabläufe, die nun alle v erstehen konnten. Nicht zu vergessen die Bibelübersetzung, die Luther schuf. Neu für mich: die übersetzten Bibeln standen lange Zeit auf dem Index der verbotenen Bücher der katholischen Kirche.
  • Nicht in jedem Bundesland ist der Reformationstag ein Feiertag. Aber im Jubiläumsjahr 2017 soll er in ganz Deutschland als Feiertag gefeiert werden.
  • Angereichert hat mein Wissen Christian Feldmann mit seiner Monographie über Martin Luther, veröffentlicht im Rowohlt Taschenbuch Verlag. Bescheiden stellt er fest “….hier kann nur eine gedrängte Auswahl im Miniaturformat geboten werden, die nicht für Lutherforscher gedacht ist, sondern für interessierte Leser mit ein wenig Vorbildung…”
  • Ich bin ihm gern gefolgt. Schließe aber mit Luther, der gesagt haben soll:

    Ein Christ ist ein seltener Vogel…

Kleine Brise

  3 comments for “Er wollte keine neue Kirche gründen

  1. Erika
    31. Oktober 2015 at 11:30 am

    Danke für die Erinnerung an die Bedeutung des Tages. …Leider gibt es den Ablasshandel noch heute: Industrieländer können ihre Verschmutzung der Umwelt auf Länder anrechnen lasse, die wenig Umweltverschmutzung verursachen. Ablasshandel auf modern art.

  2. Ingrid
    31. Oktober 2015 at 8:25 pm

    Vom Reformationstag ist heute ja kaum noch die Rede, dafür stehen Kinder mit häßlichen Masken vor der Tür und verlangen Süßes oder es gibt Saures. Hallowen hat uns total im Griff.
    Schade, dass wir alles mitmachen!

    • Dorothee
      3. November 2015 at 11:04 am

      Mir gefällt die Entwicklung auch nicht. Wie weit sie schon fortgeschritten ist, hat unser Bremer Fernsehmagazin „Buten un Binnen“ am Reformationstag bezeugt: Es wurde eine ausführliche Reportage zu Halloween gezeigt, im Mittelpunkt eine Garage, in der sich schaurige Masken versammelt hatten. Der Reformationstag wurde an keiner Stelle erwähnt. Schade, dass die Bremische Evangelische Kirche keine „Werbung“ zum Reformationstag gemacht hat.

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