Wenn es um’s Überleben geht…

Kleiner Steg im Grünen

(c) Barckhausen

Ich habe als Nichtbetroffene – aber doch eben mitbetroffene – Lebenspartnerin in diesem Jahr erleben können, was es heißt, die Diagnose „Krebs“ gestellt zu bekommen. So gut es nur eben ging, trug ich mit und half. Aber es wirklich durchstehen ist eben doch ein anderes.

Und doch merkt man irgendwann ganz deutlich, was es eben auch als Begleitende mit einem macht, es nimmt ganz schön mit, bis zur Erschöpfung, die eine andere Ursache hat, aber im Ertragen sich entkräftend auswirkt. Viele Gedanken machte ich mir in diesem Jahr über die Ursache dieser Geißel der heutigen Menschheit. Sie betrifft ja alle Altersklassen, macht auch vor Kindern nicht halt.

Nach Abschluß der Chemo stand nun bei meinem Mann eine Anschluß-Nachbehandlung an und diese sollte in Ratzeburg stattfinden. Wir hatten uns kundig gemacht und für diesen Ort entschieden. Ich konnte zu annehmbarem Preis in einem großen Doppelzimmer mit dabei sein, nahm alle Mahlzeiten mit den Patienten ein und hatte die Möglichkeit, auch alle Begleitseminare mitzumachen. Dazu durfte ich in den therapiefreien Zeiten das Schwimmbad benutzen, was ich auch diese drei Wochen glatt morgens um 6.00 Uhr und abends vor Schließung um 21.30 Uhr jeweils 40 Minuten nutzte.

älteres Paar auf der Parkbank

(c) Elfie Siegel

Ja, ansonsten eben nannte ich mich selber freilaufend. Froh, im Zimmer an einem schönen Schreibtisch an meiner Biographie weiterschreiben und sie sogar zu Ende führen zu können, verflogen diese 21 Tage wie im Nu. Ganz tief und aufmerksam aber nahm ich auf, wie diese ca. 150 Menschen zählende Gemeinschaft sich zeigte, alle vom Krebs befallen, gezeichnet, und kann eine Erfahrung schildern, die ich sehr positiv aufgenommen habe.

Ich selbst war in meinem Berufsleben auch mehrmals nach Operationen zur sogenannten Kur. Diese Tage hier zeigten mir, es war alles ganz anders. Eine fast harmonische, jedenfalls gute Stimmung herrschte und ich wunderte mich anfangs, dann begriff ich, hier geht es um das Ganze, Oberflächliches hat längst keine Bedeutung. Wer gerungen hat und es bis hierher schaffte, dem ist Wesentliches jetzt ein Anliegen. Auch Dankbarkeit war zu spüren, im Aufbau zu sein, Hoffnung hegen zu können, es zu schaffen, sei es auch nur für eine Zeit. Alle verbleibende Zeit bekam ganz andere Wertschätzung.

Bei wechselnden Gesprächen habe ich viel Bescheidenheit kennengelernt. Dank und Zuversicht kamen hinzu, auch geäußerte tiefe Gedanken ließen mich spüren, dieser Krebs verändert die Menschen. Sie sind nicht mehr, die sie vorher waren. Leben ist nicht selbstverständlich, was immer sie auch vor hatten, es wurde erstmal in Frage gestellt. So wird auch irgendwie aussortiert, was als nicht wesentlich erkannt wurde. Ein Prozeß findet in einer Intensität statt – wie ich glaube, kaum zu steigern.

Große Achtung vor soviel Leid, Tapferkeit, Akzeptanz, auch Zuversicht stieg täglich mehr in mir auf und Bescheidenheit nahm ich mir vor, in Zukunft zu pflegen und zu meiner Begleiterin werden zu lassen. So ganz unbedarft war ich ja auch nicht, zwei Operationen erlebte ich selbst nach Krebsverdacht, der sich dann jeweils verkapselt und nicht gestreut darstellte und entfernt wurde, ich somit von Glück reden durfte. Jedenfalls ist daraus erhöhte Sensibilität für diese Erkrankung bei mir entstanden und später sogar der Entschluß, die Sterbebegleitung in der Hospitzbewegung zu erlernen und weiter in immer wieder stattfindenden Kursen aufzubauen.

Silberne Sonne an einem Türrahmen

(c) frauenseiten, Algeth Weerts

Ja, wir alle sind endlich, was aber in der gegebenen Lebenszeit alles zu durchstehen ist, weiß man vorher nicht und Leid wird uns auch weiterhin begleiten. Aber ich glaube erspürt zu haben, daß es auch wie bei einem Rohedelstein eine kleine Seite so schleift, daß sie zur Strahlkraft gelangt.

Mein Dank gilt diesen 21 Tagen und ich will nun noch bewußter jeden Tag angehen, ihn geistesgegenwärtig annehmen.

Elisabeth Kriechel

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