Eine Trauerfeier ohne Trost

hölzernes Kreuz in einem Wädchen

(c) Seniorenlotse, v. Hacht

Birgit ist tot. Sie war meine Nachbarin. Sie ist 76 Jahre alt geworden. Sie hatte Lungenkrebs. Das sollte aber keiner wissen. Birgit wollte ihren Tod mit sich alleine ausmachen.

Ein paar Tage vor ihrem Tod habe ich sie noch gesehen. Sie wurde auf einem Stuhl aus dem Haus getragen und in einen Krankenwagen gesetzt. Sie sah freundlich aus. Wie immer. Sie hat gewinkt.

Dann machte die Nachricht von ihrem Tod die Runde. Gestern hat in einem Beerdigungsinstitut die Trauerfeier stattgefunden. Rund achtzig Familienmitglieder, Freunde und Bekannte hatten sich für Birgit auf den Weg gemacht. Ihr Sarg stand vor einem großen bunten Fensterbild,  geschmückt mit Blumen und Kränzen. Ich begriff: Birgit hatte keiner Kirche angehört.  Sie war zwar mit mir konfirmiert worden, muss aber irgendwann der Kirche den Rücken gekehrt haben.

So kam zu Birgits Trauerfeier auch nicht der Pastor der Gemeinde, sondern eine Trauerrednerin. Sie trat in einem zerknitterten weißen Sommerkleid hinter das Mikrofon, um den Hals einen grünen dicken Schal,  modisch zu einer Rolle verschlungen. Bevor sie ihre Trauerrede begann, schaltete sie die Musik ab, um sie dann, nach der ersten Hälfte ihres Berichtes,  wieder einzuschalten, denn wir – die Trauergäste –  sollten uns ein paar Minuten  unsere eigenen Gedanken machen. Stehend. Dann erfuhren wir den zweiten Teil des Lebensberichtes . Am Ende wurden wir wieder aufgefordert, uns zu erheben und die Trauerrednerin sprach einen Text, der sich wie ein Gebet anhörte. Aber er schloss nicht mit einem Amen. Die Trauerrednerin fand ihren eigenen Schluss. Sie verließ mit langsamen Schritten den Raum, und wir folgten ihr. Am Sarg vorbei. Kein Hinweis, ob Birgit in ihrem Sarg beerdigt wird oder in einem Krematorium verbrannt wird. Kein Segenswunsch war zu hören.

Ein bisschen verloren standen wir später auf der Straße. Mich hat diese weltliche Trauerfeier traurig gemacht. Traurig, weil Birgit in  ihrem Sarg allein zurück blieb, ohne Fürbitte und Segen. Ungesagt blieb auch, wo ihr Grab sein wird. Dafür hat sie uns ihren eigenen Trost mit auf den Weg gegeben. In ihrer Traueranzeige stand ein Spruch von Konfuzius:

Leuchtende Tage.

Nicht weinen, dass sie vorüber.

Lächeln, das sie gewesen.

Kleine Brise

  5 comments for “Eine Trauerfeier ohne Trost

  1. 3. September 2015 at 11:07 am

    Ist es so, dass wir Gott immer näher kommen je älter wir werden?

  2. 4. September 2015 at 6:17 pm

    Liebe Erna.

    Wie kommst Du denn darauf?

    Jenny

    • Dorothee
      14. September 2015 at 12:00 pm

      Ich habe die Frage auch nicht verstanden. Hier mein Versuch einer Antwort: In jungen Jahren fällt es einem leichter, die Botschaft des Christentums zu ignorieren. Ein Kirchenaustritt ist häufig das sichtbare Zeichen dafür. Doch möchte man wirklich auf Gottes Segen verzichten, wenn man beerdigt wird? Wer sich das fragt, kann sich der Kirche auch wieder zuwenden. Man kann in der Bibel lesen, Gottesdienste besuchen und schließlich auch wieder in die Kirche eintreten. Dann kann man auf dem Gemeindefriedhof bestattet werden und ein Pastor oder eine Pastorin werden die Beerdigung begleiten.
      Übrigens: Eine Trauerfeier in einem Bestattungsinstitut ist nichts weiter als eine Kopie der Feier in einer Kapelle. Grosser Raum mit schönen bunter Fenstern, der Sarg in Richtung zum (fehlenden) Kreuz und Blumenschmuck und Kerzen in bekannter Ausführung. Nur die Trauerredner und -rednerinnen treten ohne Kleiderordnung auf. Und ein Wort Gottes kommt ihnen auch nicht über die Lippen.
      Kleine Brise

  3. Karo
    14. September 2015 at 2:11 pm

    Ich denke, wenn wir Gott im Alter näher kommen, weil wir sonst mit dem Gedanken an den Tod nicht klar kommen und uns Sorgen um Gottes Segen machen, haben wir doch die Botschaft des Christentums gar nicht verstanden. So, wie wir im Leben alles versichern wollen, wollen wir dann auch den Tod ein wenig abgesichert haben? Ich kann gut verstehen, dass es gewiss leichter ist, mit dem Gedanken an Gott und ein „Danach“ zu sterben. Mit der wirklichen Botschaft des Christentum hat das aber nach meiner Meinung nur marginal zu tun. Man kann sich ja nicht nur Beste raussuchen.

  4. Dorothee
    17. März 2018 at 6:44 pm

    Ich hätte gern mehr Christentum in meinem Leben. Wieso gibt es niemanden in den beiden Kirchen, die das ausdrücken? Warum regen sich Politiker auf, wenn darüber nachgedacht wird, ob der Islam zu Deutschland gehört oder nicht? Warum melden sich bekannte Christen nicht? Wofür bezahle ich meine Kirchensteuer? Für ein angenehmes Leben der für die Kirchen Beschäftigten? Gerade wird spekuliert, ob der neue Papst auch In Rente geht. Es verschlägt mir die Sprache.

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