Eine Ehrenamtliche berichtet: Abenteuer Vorlesen

Lesepaten, Die Stadtmusikanten Hund und Katze lesen

(c) Elfie Siegel

Überall in Deutschland gibt es inzwischen Lesepaten, die in Grundschulen, Bibliotheken und Horthäusern Kindern vorlesen. Auch in Bremen haben sich Initiativen gebildet.

Die bekanntesten sind BremerLeselust und die Freiwilligen Agentur Bremen. Natürlich wird der Einsatz der Lesepaten, die diese Förderkreise unterstützen, immer wieder gelobt. Gar nicht zur Sprache kommt dabei, dass längst nicht jeder Einsatz erfolgreich ist. Über die Gründe ließe sich vortrefflich spekulieren. Sicher ist, dass der Sprung in ein Ehrenamt nicht immer gelingt. Jeder, der sich zum Vorlesen meldet, will seine Fähigkeiten und sein Wissen für Kinder zur Verfügung stellen. Man will damit kein Geld verdienen, hofft aber, auf diesem Weg Gleichgesinnte zu treffen und vertraut darauf, dass der Einsatz anerkannt wird. Leider geschieht das nicht immer. Helga Schnatmeyer hat diese Erfahrung gemacht. Im Interview erklärt sie, warum – trotz aller Enttäuschung – ihre Vorlese-Zeit für sie ein Gewinn war.

“Geschichten erzählen macht Spaß!”

Interview mit einer Vorleserin:

Warum lesen Sie Kindern vor?

Ich mag Kinder gern. Ich bin immer wieder gerührt über ihre Neugierde und das Vertrauen, das sie mir entgegenbringen.

Aber das ist noch kein Argument dafür, Kindern Geschichten vorzulesen.

Richtig. Diese Idee hatten ja auch andere. Das waren das Horthaus Grohn, die Grundschule und der Lions Club Lesmona, und ich habe das Angebot, sich daran zu beteiligen, im Herbst 2004 gern angenommen. Ich war dann überrascht, dass alles so glatt über die Bühne ging: Ein Treffen mit den Ideenträgern und den rund 20 freiwilligen Vorlesern, die Zusage, dass wir in der öffentlichen Bücherei kostenlos Lesestoff aussuchen dürfen, Terminabsprache und dann die erste Stunde allein mit fünf Kindern, die ich noch nie in meinem Leben gesehen hatte, mit Vornamen, die ich noch nie gehört hatte und von deren Elternhaus ich mir keine Vorstellung machen konnte.

Welche Fragen gingen Ihnen in diesem Moment durch den Kopf?

Fragen stellen konnte ich mir gar nicht. Ich musste erst einmal meine Phantasie und meinen Mut einsetzen, um die Kinder am Tisch zu halten. Die wollten nämlich viel lieber auf den Kuschelkissen hüpfen und Aisha ärgern, die unter dem Tisch saß. Ich wusste nur: Du hast die Verantwortung, dass die Kinder bei dir bleiben.

Wie lange ?

60 Minuten

Bücher als Häuserzeile

https://de.fotolia.com/id/106990900; fotolia; (c) Elena Schweitzer

Wie ging es weiter?

Ich holte mein Buch aus der Tasche und fing an vorzulesen. Es war die Geschichte von „Lies und Len in der Badewanne“, die sich der Bremer Kinderbuchautor Heinrich Hannover ausgedacht hat. Sie ist 1968 erschienen, und meine Kinder und ich haben diese lustige Geschichte damals sofort in unser Herz geschlossen. Der Zauber wirkte auch auf diese Kinder. Allerdings habe ich ein bisschen gemogelt, denn die Geschichte spielt bei Heinrich Hannover in Schwachhausen, bei mir aber in Grohn, in der Friedrich-Klippert-Straße, am Vegesacker Hafen und auf dem Busbahnhof.

War damit der Nachmittag zu Ende?

Nein. Mübi kam dann auf die Idee, dass man dazu ein Bild malen könnte und besorgte für alle Buntstifte und Papier. Das passierte alles in Windeseile. Sie glauben gar nicht wie flink Kinder sein können. Ich durfte dann die Bilder aufbewahren und es war noch Zeit für eine zweite Geschichte von Heinrich Hannover: „Bei Räubers“. Vorsichtshalber fragte ich: “Wisst ihr, was ein Räuber ist?“ Sofort sprang einer der Jungen auf, knallte die Tür hinter sich zu, riss sie wieder auf, brüllte „Überfall,“ klemmte sich meine Tasche unter den Arm und verschwand hinter der Tür. Lächelnd tauchte er danach wieder auf, legte die Tasche zurück und setzte sich. Wunderbar.

Das klingt, als wären Sie mit dieser ersten Vorlesestunde zufrieden gewesen.

Nein, beschwingt und guter Dinge bin ich nicht nach Hause gegangen. Ich fand, dass die Initiatoren ziemlich blauäugig waren, gutwillige und dann auch gutgläubige Erwachsene zu Vorlesern zu machen, ohne mit ihnen vorher zu besprechen, was sie erwartet: nämlich Kinder aus fremden Kulturkreisen oder von Eltern, die in keiner Weise ihr Engagement zu würdigen wissen.

Wie meinen Sie das?

Da war zum Beispiel Lea. Die anderen Mädchen behaupteten: „Die stinkt. Die wollen wir hier nicht.“ Krawall. Ich habe dann mein Parfümfläschchen aus der Tasche geholt und uns alle damit eingenebelt. Mein Kommentar: „Nun riechen wir alle gleich“, wirkte zum Glück. Zur nächsten Stunde habe ich meine Vorbereitungen so getroffen, dass Lea nicht wieder ausgegrenzt werden konnte. Aber Lea war nicht da. Die Mutter hatte sie früher abgeholt.

Was erhalten Sie für Ihren Einsatz?

Kein Geld. Aber dafür die freundliche Aufmerksamkeit der Kinder. Sie winken mir im Einkaufszentrum zu, auf der Weserpromenade oder im Hort. „Hallo, Frau Schnatmeyer“, heißt es dann und mancher, der das hört, guckt fragend vom Kind zu mir. Auch die Hortleitung und die Gruppenleiter kennen mich inzwischen und lassen mich freundlich gewähren.

Da klingt ein bisschen Enttäuschung heraus.

Na, ja. Das Projekt läuft nun schon eine Weile. Ich bin bis jetzt dabei, habe aber nie wieder jemanden von den Vorlesern und Vorleserinnen getroffen. Es hat zwar Einladungen zum Erfahrungsaustausch gegeben, aber die erreichten mich nicht oder kamen zu spät.

Was haben Sie im nächsten Schuljahr getan?

Ich bekam wieder eine Gruppe. Ein Junge und vier Mädchen, eine davon Mübi, die mir als einzige die Treue gehalten hat. Damit waren von der 1. bis zur 3. Klasse alle Lernstufen vertreten.

Das klingt nach Dorfschule.

Genau. Darin habe ich vor 60 Jahren auch schon einmal gesessen.

Wie ist es weiter gegangen?

Ich habe die Dorfschule wieder aufleben lassen. Wir haben zum Beispiel im Chor das Alphabet aufgesagt, dazu Wörter gesucht und aufgeschrieben. Ich wollte nämlich gern, dass die Kinder lernen, wie man mit einem Wörterbuch umgeht. Sie sollen sich unabhängig machen. Danach habe ich wieder eine Geschichte von Heinrich Hannover vorgelesen. Darin spielt das A eine große Rolle. Die Kinder haben dann ein schönes A mit vielen Verzierungen gemalt.

Seniorenstudium: Ein Stapel Bücher

(c) frauenseiten, Robers

Aus welchen Kulturen kommen die Kinder?

Ich weiß es nicht genau. Güli fliegt mit dem Flugzeug in die Türkei, um Verwandte zu besuchen. Der Junge kommt aus Russland. “Russland ist scheiße“, antwortete er, als ich wissen möchte, wo er gewohnt hat. Danach habe ich nicht weiter gefragt.

Welche Tips würden Sie einem Lesepaten-Neuling geben?

Beim ersten Mal niemals ganz allein – ohne Unterstützung eines Erwachsenen aus der Einrichtung – vorlesen. Die Kinder am Tisch sitzen lassen. Bilder zu der Geschichte zeigen und nicht länger als 20 Minuten lesen. Danach über den Text reden. Die meisten Kinder malen auch gern ein Bild dazu. Sich selbst wichtig machen: So hat bei mir jedes Kind ein Lesekärtchen. Jedes Mal, wenn es gut zugehört hat, bekommt es einen dicken Marienkäfer. Wenn zehn auf der Karte sitzen, ein kleines Geschenk. Wenn Eltern oder ältere Geschwister plötzlich auftauchen, um das Kind abzuholen, bitte ich sie draußen zu warten, denn ich bin für alle Kinder bis 17 Uhr da. Individuelle Abholzeiten müssen mit der Gruppenleitung abgesprochen werden.

Weiche Welle schadet nur?

Lacht.
Ich habe es so geschafft. Natürlich muss jeder seinen eigenen Weg finden.

Im Horthaus haben Sie jetzt keine Gruppe mehr?

Nein. Dort gibt es nichts mehr für mich zu tun.

Kennen Sie die Gründe? Sie wollen doch niemandem den Arbeitsplatz wegnehmen.

Aber tun wir es nicht vielleicht doch? Was ist, wenn die Politik sagt: Das kostenlose Zubrot, das uns die Ehrenamtlichen liefern, erspart uns neue Stellen?

Glauben Sie, dass das die Beteiligten denken?

Ich möchte es so sagen: Ich weiß es nicht, aber ich vermute es. Außerdem halte ich es für erforderlich, dass Ehrenamtliche geschult werden.

Fragen und Antworten von Helga Schnatmeyer

Das Projekt Lesezeit der Freiwilligenagentur Bremen bietet intensive Vorbereitungskurse an.

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