MITMenschen: Gisela Walther, 74 Jahre

Elfie Siegel stellt Mitmenschen vor, die ihr im Alltag auffallen. 

Der Computer, Bücher und viel Papier

Gisela Walter, Frauenportrait

(c) Elfie Siegel

„Wir treffen uns in meinem Altersheim!“ Das sagt sie provokativ. Sie ist eine der wenigen, die ich kenne, die mit ihrem Alter offensiv umgeht. Das zurückliegende Gebäude mit viel Grün drum herum wirkt großzügig. Ich frage mich durch bis zu ihrer Wohnung, laufe durch Gänge. Bei ihr angekommen, muss ich etwas die Füße heben. Zwei  Briefe liegen neben dem Abtreter. Die will sie nicht vergessen. Mein zweiter Blick fällt auf den Computer, auf die Seite des Seniorenlotsen. „Wenn ich zuhause bin, lasse ich meinen PC immer an. Als ich hier vor eineinhalb Jahren einzog, war ich die Erste mit DSL Anschluss in der Wohnung. Jetzt gibt es schon vier andere.“ Sie zeigt mir ihre gemütliche Wohnung: viele Bücher und der Schreibtisch voller Papiere.

Mit ihrem Bruder schreibt sie Heimatgeschichte

Für den Heimatkreis Hinterpommern schreibt sie zusammen mit ihrem Bruder eine Chronik. Es sind viele Fluchtberichte. Ihr Bruder hat sich dafür als Achtzigjähriger (!) einen Computer angeschafft und das Mailen gelernt. Ihm schickt sie ihre Entwürfe. Als Neunjährige war sie zusammen mit Mutter und Großmutter geflüchtet. Wie durch ein Wunder fand sie ihre Brüder wieder.

Wörter müssen stimmen

Gisela Walther Frauenportrait

Gisela Walther (c) Elfie Siegel

Mit Freude erzählt Gisela Walther von ihrer Arbeit im Seniorenlotsen: „Die Themen rumoren tagelang in meinem Kopf. Besonders auf dem Fahrrad fällt mir viel ein. Dann setze ich mich – meistens nach Mitternacht – an den Computer und schreibe das so runter. Ich poliere wenig am Text.“ Dabei ist sie im positiven Sinne eine Wortklauberin. Mit einem ihrer beiden Söhne unterhält sie sich oft über Sprache. Eins ihrer Unwörter ist „machen“. Das drücke nichts aus. Es sei einfach schlechtes Deutsch. Und es werden zu viele Hilfsverben benutzt…

Wir Alten sollten uns darstellen

Die monatlichen Redaktionstreffen erlebt sie fröhlich und intensiv. „Beides gibt es: Wir lachen, wir arbeiten und diskutieren ernsthaft miteinander. Es herrscht eine tolle Arbeitsatmosphäre, große Offenheit. Und ich kann auch mal was sagen, was ich sonst nicht überall sage. Der Seniorenlotse ist mir ganz wichtig. Es sollten immer mehr Ältere ins Internet gehen. Es könnte das Medium sein, in dem sie was selbst schreiben.
Und sei es nur einen Kommentar. Das wird sich weiter entwickeln. Wir werden immer wichtiger. Wir sollten uns selber und unsere Altersgenossen ernst nehmen, uns zu unserem Alter bekennen. Ich wünsche mir, wenn jemand im Seniorenlotsen liest, dass er oder sie denkt: Das könnte ich auch. Warum mache ich es nicht?! Wir Alten sollten uns darstellen!“

Meckern reicht nicht

Gisela Walther Frau in einem Flur

Gisela Walther (c) Elfie Siegel

Eine Frage bewegt sie: Wollen wir politisch sein? Sie beantwortet sie gleich selber: „Wir müssten politischer werden! Auch Gegenmeinungen wären in Ordnung. Ich ärgere mich, wenn die Leute nur unzufrieden sind und meckern. Nachdenklich machen, aufklären, anregen! Das fände ich wichtig. Ich habe immer meine Meinung vertreten.“
Das glaube ich ihr sofort. Seit 1968 als ihre Söhne sieben und elf Jahre alt waren, war sie nach dem Tod ihres Mannes auf sich gestellt. Als Dolmetscherin verdiente sie ihr Geld. Alles was sie heute ist und hat, hat sie sich selbst erarbeitet.
Nach zwei Stunden intensiven Gesprächs, einem Essen in der gemütlichen Hausbibliothek und zwei Espressi verabschiede ich mich. Gisela Walther gibt mir die zwei von Hand geschriebenen Briefe mit und erklärt mir, wo der Postkasten steht.

Elfie Siegel

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