MitMenschen: Gisela Decker, Jahrgang 1947

In der Reihe MITmenschen stellt Elfie Siegel Gisela Decker vor, die ehrenamtlich als Hospizlerin arbeitet.

Frauenportrait

Gisela Decker (c) Elfie Siegel

Wir sitzen in ihrem sonnigen Wintergarten. Seit Jahren ist sie eine gute Bekannte von mir. „Was hast du an deinem Geburtstag gemacht?“, frage ich. „Morgens habe ich eine Trauerrede gehalten.“ Gisela Decker ist Hospizmitarbeiterin und hat einen Schwerkranken fast drei Jahre bis zu seinem Tod begleitet. Die 61-Jährige ist seit acht Jahren eine von 124 Mitarbeiterinnen im Hospizverein, Lebens- und Sterbebegleitung, Schwachhauser Heerstr. 45a. Die ehrenamtlich tätigen Frauen und auch einige Männer arbeiten ambulant auf Palliativstationen, in Altenheimen, Privatwohnungen und auch im betreuten Wohnen. Sie sind beides: LebensbegleiterInnen und SterbebegleiterInnen.

Die Würde fehlte

In den letzten acht Jahren als Krankenschwester war sie in der Organentnahme tätig. Irgendwann ging es nicht mehr: „Das war würdelos. Gefühle durftest du nicht wahrnehmen und schon gar nicht äußern. Mich beschäftigte immer mehr, wo die Seele bleibt. Was passiert da? Es ist ja nicht nur das Gehirn. Es gibt noch was anderes, das den Menschen belebt. – Und häufig habe ich über den Tod nachgedacht. Ich will meinem eigenen Tod ins Gesicht blicken können.“

Frau mit Katze

(c) Elfie Siegel

Das sinnvolle Nichtstun

Die Ausbildung als „Hospizlerin“ hat ihr gut getan. Es wurde viel über Leben, Tod und Vorsorge geredet. Der Erfahrungsaustausch mit ehrenamtlichen Kolleginnen war eine Bereicherung. Anfangs war es schwer, das vermeintliche Nichtstun auszuhalten. „Als Krankenschwester habe ich immer was getan. Heute weiß ich, ich kann einfach da sein, mit ihr oder mit ihm sein, das sinnvolle Nichtstun aushalten. Es ist wichtig, dass die Kranken spüren, dass jemand da ist, dass sie sich fallen lassen können. Sie sind schutzlos. Dass sie es schaffen, da jemanden reinzulassen und anzunehmen, dieses Vertrauen weiß ich zu schätzen.“

Es ist mehr als Nichtstun

Gisela Decker kümmert sich auch um Unerledigtes und Belastendes aus den Lebensgeschichten der Betreuten. Zuweilen vermittelt sie zwischen getrennten Partnern oder stellt den Kontakt zu entfremdeten Kindern her. Die Aussprachen oder sogar Versöhnungen sind nicht nur für die Begleiteten eine Erleichterung. Und sie erzählt von einer schwer krebskranken Frau, die sie in den Tod begleitet hat. Ihre Katze war acht Monate mehr oder weniger allein. Ihre Kinder konnten sich nur sporadisch um das Tier kümmern. Gisela Decker hat die Birma-Katze zu sich genommen. Die Frau hat geweint vor Freude und ihr gesagt, sie habe sich das gewünscht. Das verängstigte und stinkende Tier brauchte fünf Tage, bis es wieder gefressen und sich geputzt hat.

Frau mit Katze

Der Katze geht es gut (c) Elfie Siegel

Eine befriedigende Arbeit

Das ist ihr wichtig: „Seit acht Jahren habe ich noch keine Begleitung gemacht, in der ich nichts empfangen habe. Ich habe spirituelle Beziehungen. Auch wenn es keine Sprache gibt, bekomme ich trotzdem Informationen. – Für mich ist der Gewinn, dass ich immer angstfreier werde vor dem Tod. Ich bin nicht mehr so anhaftend am Materiellen. Und ich bin jeden Tag dankbar, dass die Zeit, die ich anderen gebe, mir auch geschenkt wird. Ich bin zufriedener, ruhiger, habe meine Mitte gefunden.“

Zum Schluss mache ich noch einige Fotos von Gisela Decker. Sie bearbeitet sie gleich in ihrem Computer. An ihrem Arbeitsplatz steht mindestens ein Dutzend Fotos, auf denen ihr Mann, ihre Kinder und Enkelkinder abgebildet sind.

Und die weißwuschelige Katze mit den blauen Augen kommt zu uns, schnuppert und leckt an meinen Schuhen, springt auf den dritten Sessel und ringelt sich ein zu einem Nickerchen.

Elfie Siegel

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