Zehn-Punkte-Plan gegen Keime

Krankenhausflur

Quelle: frauenseiten. © Schütte

Schon seit längerer Zeit schlagen sich Krankenhäuser mit dem Problem des Keimbefalls herum. Dabei handelt es sich besonders um drei Bakterienstämme, die man mit den fachlichen Kürzeln MRSA, VRE und ESBL benennt. Zwei dieser Bakterienstämme sind multiresistent gegenüber Antibiotika und deshalb sehr gefährlich für immunschwache Patienten. Sie lösen Infektionen aus, die den Gesundheitsprozess erschweren und verzögern, Folgeschäden verursachen oder gar zum Tode führen. Das Bundesgesundheitsministerium schätzt die Zahl der in Krankenhäusern Infizierten auf jährlich 400.000 bis 600.000. Die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH) setzt die Zahl der jährlichen Todesfälle inzwischen sogar bei bis zu 30.000 an.

Weil auch die Bremer Kliniken in jüngsten Presseberichten Erwähnung fanden, z.B. ausführlicher in der Sendung „frontal 21“ des ZDF (17.02.15), und weil die Angst vor Keiminfektionen in der Bevölkerung und besonders bei den alten Menschen zunimmt, hat sich die Landesseniorenvertretung Bremen mit einem Schreiben vom 24.02.15 an den Gesundheitssenator, Herrn Dr. Schulte-Sasse, gewandt.

Mehr Hygiene und Kontrollen notwendig

Die Landesseniorenvertretung stellt fest, dass Hygiene eigentlich das oberste Gebot in Kliniken sein sollte, was aber oft an Zeit und Geld scheitert. Diese fehlen für das notwendige Klinikpersonal und die lebensrettenden Desinfektionen, obgleich vergangene Krankenhausskandale zu neuen Hygienestandards geführt haben. Zu den Schwierigkeiten mit der Hygiene in den Krankenhäusern kommt noch der oft unkontrollierte und schnelle Einsatz von Antibiotika bei Medikationen in der Humanmedizin, aber auch in der Massentierhaltung, was zu der Keimresistenz führt. Auf Ursachen und Folgen mangelhafter Hygiene braucht an dieser Stelle nicht weiter eingegangen zu werden. Sie sind ebenso bekannt wie die Maßnahmen, mit denen sich Superkeime bekämpfen und ihre Verbreitung vermeiden lassen.

Aber das durch und durch ökonomisierte Gesundheitssystem erfordert dringend mehrfache, strenge und grundsätzlich unangemeldete Kontrollen pro Jahr durch die zuständigen Behörden, damit die gesetzlichen und medizinisch erforderlichen Auflagen von den Kliniken verantwortungsvoll eingehalten werden. Es wird so viel über den medizinischen Fortschritt und den Anstieg der Lebenserwartungen gesprochen. Da sollte doch auch alles getan werden, um zu verhindern, dass Patientinnen/Patienten ausgerechnet durch eine Keiminfektion in der Klinik belastet werden oder gar ihr Leben verlieren.

Deshalb hat die Landesseniorenvertretung den Gesundheitssenator, Dr. Schulte-Sasse, gebeten, den Kontrollen bezüglich der Einhaltung der Hygienevorschriften in den Kliniken des Bundeslandes Bremen noch größere Aufmerksamkeit als bisher zuzuwenden, die jährliche Kontrolldichte zu erhöhen und die Kontrollen in allen Bremer Kliniken grundsätzlich ohne Anmeldung durchzuführen.

Utensilien zur Heilung

(c) Robers

In seiner Antwort vom 12.03.15 bestätigte der Gesundheitssenator, dass die Einhaltung von Hygienevorschriften in Bremer Krankenhäusern hohe Priorität besitze. Er konstatiert: „Seit 2013 wurden mehrere Krankenhäuser umfangreich durch Mitarbeiter der Gesundheitsämter auditiert. Für dieses Jahr sind sechs mehrtägige Audits in Krankenhäusern vorgesehen. Die Konzipierung sieht vor, dass während eines Audits auch nicht angekündigte Bereiche in den Krankenhäusern begangen werden, ergänzt durch anlassbezogene Begehungen im Rahmen von Baumaßnahmen, Meldungen besonderer Krankheitsgeschehen sowie Beschwerden. Dieses bundesweit einmalige und umfassende System stelllt eine Überwachung auf hohem Niveau sicher.“

Bundesgesundheitsminister formuliert Maßnahmen gegen Klinikkeime

Gegen das drängende Keimproblem will Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) jetzt mit einem Zehn-Punkte-Plan vorgehen. Er meint, „die Themen Hygiene, Qualitätssicherung und Transparenz im Bereich behandlungsassoziierte Infektionen“ würden immer noch nicht mit der nötigen Priorität angegangen.“ Folgende Neuerungen sollen dies ändern:

  • Die Vorgaben und Empfehlungen der Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention, Risikopatienten bei der Aufnahme ins Krankenhaus auf multiresistente Erreger zu untersuchen und sie bis zum Ausschluss einer Besiedelung zu isolieren, müssen konsequenter umgesetzt werden. Das Robert-Koch-Institut soll dabei die regionalen Netzwerke aus Gesundheitsämtern, Ärzten und Krankenhäusern zur Bekämpfung der Antibiotika-Resistenzen unterstützen. Darüber hinaus soll eine Pflicht zur Durchführung ambulanter Screenings vor planbaren Krankenhausaufenthalten weiter geprüft werden.
  • Bund und Länder verabreden Maßnahmen zur Sicherstellung des Bestands und Ausbaus von Hygienepersonal in den Kliniken und Unterstützungen der Krankenhäuser durch ein Hygiene-Förderprogramm in Höhe von 365 Millionen Euro. Bis 2016 sollen sie notwendiges Hygienepersonal einstellen sowie Ärzte und Pflegekräfte auf dem Gebiet der Krankenhaushygiene weiterbilden.
  • Die Krankenhäuser sollen verpflichtet werden, ihre Qualitätsberichte durch einen Zusatzteil mit verständlichen Patienteninformationen zu den Hygienestandards im Krankenhaus zu ergänzen.
  • Die Meldepflichten für gefährliche resistente Erreger sollen verschärft werden.
  • Eine verpflichtende Fortbildung von medizinischem Personal im Bereich der Deutschen Antibiotika – Resistenzstrategie (DART) soll bis zum Sommer 2015 installiert werden. Therapie im ambulanten und stationären Bereich soll eingeführt werden.
  • Über einen Zeitraum von drei Jahren sollen verstärkt Forschungsvorhaben zu den Themen Infektionen in Kliniken und Antibiotika-Resistenz gefördert werden, u.a. durch eine gemeinsame „Task Force Antibiotikaforschung“ im Gesundheits- und im Forschungsministerium.
  • Die Deutsche Antibiotika-Resistenzstrategie (DART) soll bis zum Sommer 2015 aktualisiert werden. Ziel ist es, das Auftreten von Antibiotika-Resistenzen und den Antibiotika-Verbrauch sowohl in der Human- als auch der Tiermedizin und der Landwirtschaft stärker zu überwachen und weitere Maßnahmen zur Vorbeugung und Bekämpfung von Resistenzen zu unternehmen.
  • Im Rahmen des Pharmadialogs der Bundesregierung sollen Hindernisse in der Forschung und Entwicklung neuer Antibiotika identifiziert und gemeinsam mit Wissenschaft und pharmazeutischer Industrie Lösungen erarbeitet werden, wie der Bedarf an neuen Wirkstoffen künftig gedeckt werden kann.
  • Die WHO erstellt bis Mai 2015 einen Globalen Aktionsplan zur Bekämpfung von Antibiotika-Resistenzen.
  • Deutschland will im Rahmen seiner G7-Präsidentschaft gemeinsam mit seinen Partnern konkrete Maßnahmen beschließen, um die Bekämpfung resistenter Krankheitserreger voranzubringen.

(Quellen: Deutsches Ärzteblatt v. 23.03.15 und cib/dpa/AFP/Reuters)

Dieser Plan benötigt sicher noch die Definition zahlreicher Einzelschritte, aber er lässt hoffen, dass man endlich auf politischer Ebene beginnt, das Problem des Keimbefalls in Kliniken ernsthaft und intensiver in Angriff zu nehmen und für die Kliniken rechtlich verbindliche Richtlinien für den Umgang mit Hygiene zu schaffen. Die Seniorenvertretungen im Land Bremen werden die Entwicklung aufmerksam verfolgen.

Gerd Feller

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