MITMenschen: Robert, arbeitet bei Anonyme Alkoholiker AA

Elfie Siegel stellt Mitmenschen vor, die ihr im Alltag auffallen.

Alle duzen sich

AA Anonyme Alkoholiker. Das Schild sehe ich gleich. Es ist zusammen mit wohl einem halben Dutzend anderer Firmen- und Praxisschilder am Eingang Geeren 24. Hier bleibt jeder unauffällig, der reingeht. Ich soll nach Robert fragen. „Wir duzen uns hier alle.“ Diese Auskunft bekam ich am Telefon. Ein sympathischer Mann mit offenem Blick, etwas gemütlich wirkend, kommt auf mich zu. Wir setzen uns in ein kleines Zimmer und Robert erzählt:

Die Anderen sollten sich ändern

Anonyme Alkoholiker Schild mit Logo

(c) Elfie Siegel

„Im Mai feierte ich meinen 32. Geburtstag. Ich bin jetzt 32 Jahre trocken. Meinen AA-Geburtstag feiere ich jedes Jahr.“ Er hatte knapp 20 Jahre getrunken; mit 15 Jahren angefangen. „Ich hatte mir immer vorgemacht, ich könnte jederzeit aufhören. Und ich hatte immer Gründe, warum ich trinken musste: meine Kindheit, meine Frau, die mich betrogen hat, meinen Beruf. Ich war der Meinung, die Anderen und die Umstände müssten sich ändern und nicht ich.“

Ein Hund hat ihn gefunden

Er hatte es wirklich nicht einfach. Seine Eltern ließen sich scheiden. Der Vater war Lehrer „und ich sollte auch was werden“. Er lernte Maurer. „Ich sollte Ingenieur werden.“ Die Mittlere Reife, die Bundeswehr und drei Semester Ingenieurschule hat er noch geschafft, „alles mit Alkohol“. „Robert, du trinkst zuviel“, habe seine Frau gesagt. „Alles kein Problem, ich kann jederzeit aufhören.“ Den Meisterlehrgang hat er auch abgebrochen. Er ist Maurer geblieben. Seine Frau hat ihn mit dem Kind verlassen. „Ich habe meine Familie und meine Wohnung verloren. Zwei Jahre habe ich auf der Straße gelebt; in der Zeit bin ich auch noch einmal Vater geworden. Zwei Selbstmordversuche. Als Maurer habe ich noch gearbeitet. Ich brauchte ja das Geld für Bier und Schnaps.“ Er versuchte noch ein drittes Mal sich das Leben zu nehmen: Eine Flasche Schnaps und Tabletten. „Ich lag unter einem Busch. Ein Hund hat mich gefunden. Im Krankenhaus haben sie mir den Magen ausgepumpt.“

„Ich bin aus der Hölle gekommen“

Anonyme Alkoholiker Schild mit Spruch

(c) Elfie Siegel

Sein Arzt hat gesagt: Entweder Sie bringen sich um oder Sie gehen in die Klinik. Und hat ihn mit dem Einweisungsschein fortgeschickt. Robert hat sich für letzteres entschieden. „Ich hatte einen Schlafplatz auf einer Campingliege, einen Eimer davor. Ich habe gezittert und die ganze Nacht gekotzt.“ Am nächsten Morgen ist er mit der Straßenbahn von Huchting nach Kattenesch zu seinem ersten Meeting bei den AA gefahren, alleine. Danach hatte er seinen ersten trockenen Tag. Und was noch wichtiger war: „Ich konnte das erste Mal zugeben, dass ich Alkoholiker bin.“ – „Meine Wiedergeburt“, sagt er heute. Und er hatte bis zum heutigen Tag keinen Rückfall! Obwohl sein Leben danach nicht sofort leichter war. Ein halbes Jahr lang war er noch so verzweifelt, dass er oft an Selbstmord dachte….Aber irgendwann kam das Glücksgefühl: „Ich bin aus der Hölle gekommen und habe es geschafft.“

Heute ist er aktiv für AA und bei AA

Angefangen hat Robert mit Kaffeekochen und Abwaschen. Er hat den Meetingraum hergerichtet, Literatur ausgelegt, sich gekümmert. Einmal in der Woche geht er in die Klinik Ost. Dort ist er gesprächsbereit für Alkoholiker. Ein- bis zweimal monatlich hat er Dienst in der Kontaktstelle Geeren 24. „Ich mache Telefondienst. Und wenn ein Neuer kommt, rede ich mit dem. Jeder erzählt, was er von sich berichten möchte. Ich erzähle auch von mir, aber ich gebe keine Ratschläge. Sein Leitspruch für seine freiwillige Tätigkeit ist: Nur wenn du es weitergibst, kannst du es behalten, kannst du trocken bleiben. Und er betont: „Bei uns ist die Anonymität das Wichtigste. Jeder der kommt, muss wissen, dass er hier sicher ist.“ An der Wand kann ich diesen Grundsatz lesen: „Wen Du hier siehst, was Du hier hörst – wenn Du gehst, bitte, lass’ es hier!“
Er ist außerdem Gruppensprecher und kümmert sich um Öffentlichkeitsarbeit. Unter anderem gehen sie zu zweit in Schulklassen und berichten von ihrer Arbeit.

Anonyme Alkoholiker Plakat mit Aufruf, sich zu melden, eh es zu spät ist

(c) Elfie Siegel

Er ist mit seiner Krankheit nicht allein

Am wichtigsten ist ihm die Gemeinschaft. Ohne die kann und möchte er nicht mehr leben. „Da spüre ich, dass ich mit meiner Krankheit nicht alleine bin.“ Bei den AA hat er viele Dienste gemacht – vom Abwascher bis zum Landesgruppensprecher. „Aber ich bin nicht mehr wert als der, der jetzt reinkommt. Das ist mir wichtig.“ Einmal im Jahr gibt es ein Treffen aller deutschen AAs. Da kommen etwa 4.000 Menschen. Viermal war er bei internationalen Treffen in den USA. 50.000 bis 60.000 Alkoholiker kommen dort zusammen.

Lügen sind der Anfang vom Rückfall

Zweimal wöchentlich geht er als Beteiligter in Meetings. Wenn er über sich redet, dann ist Ehrlichkeit elementar wichtig. Sich selbst was vormachen geht nicht mehr. Robert wird drastisch: „Dieses Selbstbescheißen ist der Anfang für einen Rückfall.“ Das kennt er sehr gut aus seiner Trinkerzeit. Und er braucht es, dass eine Höhere Macht ihn unterstützt. „Ich hatte alles verloren und habe meinen Glauben wiedergefunden.“

Heute kann er halten, was er verspricht

Seit zweieinhalb Jahren ist er wieder verheiratet. „Und es fühlt sich gut an.“ Heute können sich meine Kinder, meine Schwiegertöchter und meine Enkel auf mich verlassen. Falls sie mich brauchen, kann ich für sie da sein. Was ich verspreche, kann ich halten.

AAKontaktzentrum: Geeren 24, Tel. 45 45 85
Mail:aa-kontakt@anonyme-alkoholiker.de
www.anonyme-alkoholiker.de

Elfie Siegel

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