Emils im „Schnackkasten“

Hand mit Smartphone

(c)frauenseiten, Barckhausen

Inge will mit den Emils (so nennt sie die E-Mails) nichts zu tun haben. Sie findet es schrecklich, wenn ihre Nichte zu Besuch kommt und ständig auf ihren kleinen „Schnackkasten“ blickt.

„Aber ich muss doch wissen, ob mein Freund mir geantwortet hat, Tante Inge “verteidigt sich Ute. Inge wird ganz böse: „Du hast ihn vor zwei Minuten von der Kiste aus angerufen. Was soll er denn in dieser kurzen Zeit alles erlebt haben, was so wahnsinnig wichtig ist, dass er dir jetzt schon wieder einen Emil schicken muss? Redet ihr eigentlich noch miteinander, oder läuft bei euch alles über diesen Kasten?“ „Klar reden wir noch mal, aber mit dem Kasten kannst du auch gleich Bilder sehen und Musik hören – das ist heute alles möglich. Und sofort ins Internet gehen. Ich muss doch auch sehen, wie viele Freunde mich bei Facebook und Twitter angeklickt haben. Das kennst du alles nicht. Das ist heute so, ehrlich. Du könntest deiner Putzfrau ja auch mailen, was sie alles für dich einkaufen und erledigen soll.“ Jetzt rechtfertigt Ute sich und hofft, dass sie nicht zu lange Zeit mit der alten Tante verbringen muss.

Da hat sich Ute aber getäuscht. Jetzt kommt Inge richtig in Schwung und legt los.
„ Mal ehrlich, ihr habt doch einen so ausgewachsenen Spieltrieb, das ist ja schon krankhaft. Ich will dir einfach einmal erzählen, wie wir gelebt haben, ohne alle fünf Minuten ein „Selfie“ an Gott und die Welt zu schicken. Und wir hatten viel Spaß, haben Langeweile und Einsamkeit nicht gekannt und trotzdem gut gelebt. Wir haben uns unterhalten über die Sorgen und Freuden des Lebens. Wir haben gelacht und Spaß gehabt. Um ein Treffen zu vereinbaren haben wir uns – bevor wir ein Telefon hatten – eine Postkarte geschickt. Das sind diese rechteckigen Pappstücke auf die man mit Tinte eine Adresse und eine Mitteilung schreiben kann, eine in der Post gekaufte Wertmarke klebt und in einen gelben Kasten wirft. Diese Karte traf zur Wochenmitte ein, so dass der Mensch sich richtig auf den Besuch am Wochenende freuen konnte.“ Inge muss erst einmal einen Schluck Kaffee nehmen, bevor sie weitersprechen kann.

„Glaubst du eigentlich dass irgendeiner deiner Freunde bei Twitter oder Facebook dir hilfreich zur Seite stehen würde, wenn du ernsthafte Sorgen hättest? Wenn du durch einen Unfall plötzlich in ein Krankenhaus müsstest, wer würde dir dann wohl die Tasche packen, damit du versorgt wärest? Deine Eltern leben weit weg, Geschwister hast du nicht und dein neuer Freund hat wahrscheinlich noch nicht einmal einen Schlüssel zu deiner Wohnung. Dann ist die alte Tante wieder gefragt, oder nicht?“

Inge hofft, dass Ute ihr rücksichtsloses Verhalten bei den Besuchen einmal überdenkt, überlegt aber gleichzeitig, ob sie sich nicht vielleicht bei Gelegenheit auch einen solchen „Schnackkasten“ zulegen sollte.

Sophie Mory

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