Über Lyrik nähern wir uns manchmal einfacher dem Tod

Drei unserer Autorinnen haben sich das Thema auch in Form von Gedichten erschlossen. Wir bringen sie hier in lockerer Reihenfolge:

Totengedenken

Ihr, die dem neuen Leben habt den Vortritt bereits gegeben,
die Ihr uns vorangegangen, während wir um Euch noch bangen.
Empfangt unser Gedenken, den Dank, den wir Euch schenken,
für das, was Ihr uns ward, ausgeprägt oder noch zart.

Obwohl wir Euch vermissen, dürfen wir auch wissen,
wir werden ebenso schreiten, in Eure Daseinsweiten.
Die Grenze ist sehr dünn, sie zeigt uns ihren Sinn,
einmal im Erdenleben, dann, dieses aufzugeben.

Wenn wir Eurer gedenken, können wir unsichtbar lenken,
von hier zu Euch nach drüben, und so Gemeinsamkeit üben.
Es bleibt ein Leben, vom Herzen her ein Weben,
von uns zu Eurer Seite, von Euch in unsere Weite.

Elisabeth Kriechel

 

Kunstwerk zeigt Segelschiff mit Steuermann

(c) bremen.online GmbH / JUA

 

Krähenmahlzeiten

Kam gedankenlos des Wegs, fand dich,
Reglos liegst du, Vogelkind, aus dem Nest gefallen, dein
Atem geht schnell, kleine Taube.
Ein Kranz um dich, Darminhalt.
Hilflos deine Stummelflügel ausgebreitet, wie
Ein Kreuz.
Not – spricht dein Auge.
Machtspiel der Natur, denk ich,
Als ich deinen offenen Leib seh.
Holt die Krähe zuerst deine
Leber aus dir? In mir erwacht
Zweifel an der Weisheit der Natur.
Erleiden, langsam sterben, wie am Kreuz.
Ich ertrag das nicht, geb dir mit dem Ast den
Tod, deine Angst, Füße krampfen, strecken sich.
Eine zweite Krähenmahlzeit,
Nun schmerzlos. War das barmherzig?

Eleonore Born

Der Kopf einer Krähe in Großaufnahme

(c) bremen.online GmbH / JUA

 

An die Höhere Macht
(Totengebet für einen Atheisten)

Gib ihm den ewigen Frieden
den er nie hatte
gib ihm die Lust am Sein
in einer anderen Welt

Einer Welt
die er nie kannte
die er nie zu kennen wagte

Von dieser Welt wurde er begrüßt
von ihr erkannt

Einer Welt
die er nie kannte
die er nie zu kennen wagte

Elfie Siegel

Steilküstenabbruch,

(c) von Hacht, Wie lange noch?

 

 Schwellenübergang

Ein geliebter Mensch
verläßt die Welt.
Wird abberufen,
nichts ihn hält.

Er geht uns allen
still voran,
auch wir folgen
irgendwann.
Er ist nicht mehr
und wieder doch,
nicht sichtbar,
in uns aber noch.

Begleiten wir
sein neues Sein,
so ist er – und –
wir nicht allein.

Elisabeth Kriechel

 

Steg am Wasser

(c) Bärbel Ahrens

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