Ein Ort um eigene Wege zu gehen

Grabstein mit Rose

(c) Katja Stelljes

Mit dem Tod endet unsere körperliche Existenz. Was folgt darauf? Jahrhunderte war die Vorstellung dessen, was dann kommt und was dann zu tun ist, völlig eindeutig. Die Religion schuf eine festes Korsett an Ritualen und Vorstellungen. Das ist vorbei! Heute muss jede und jeder selber eine Antwort auf die Fragen finden, die sich stellen, wenn ein naher Mensch stirbt. Oder ich selber muss Antworten suchen auf die Fragen: wie stelle ich mir mein Sterben vor, wie stelle ich mir darüber hinaus mein Begräbnis vor. Wo will ich beerdigt sein? Wie will ich beerdigt sein? Möchte ich, dass ein Ort entsteht, der an mich erinnert? Möchte ich ohne sichtbare Spur verschwinden?

Als Steinmetzmeisterin und Gestalterin setze ich mich mit der Gestaltung von Orten und Objekten auseinander, die an einen Menschen erinnern. Der Friedhof ist für mich ein alltäglicher Ort. Ein Ort an dem unsere Vergänglichkeit sichtbar wird, in einem Alltag, der oft gerne darüber hinweg täuscht, dass es ein Ende gibt.
Wie heilsam und sinnstiftend die Auseinandersetzung mit der Gestaltung einer Grabstelle sein kann, zeigen die folgenden Beispiele aus meiner Werkstatt:

 

Grabstein aus zwei Stelen

(c) Katja Stelljes

Der eigene Grabstein wird zum Haltepunkt für Viele

Eine alte Dame ruft mich an und bittet um ein Gespräch über ihren eigenen Grabstein. Sie hat sich vor Jahren schon eine Grabstelle auf einem Bremer Friedhof ausgesucht und gekauft. Ein Unfall war damals Anlass für sie, diesen Schritt zu gehen. Kopfschütteln ihrer Söhne und Freunde waren die Reaktion auf ihre Entscheidung. Jetzt ist Zeit vergangen, ihr geht es nicht gut. Täglich spürt sie, dass ihre Kräfte nachlassen, dass der eigene Tode näher rückt. Ihre Söhne leben nicht in der Nähe. Sie hat das Gefühl, dass die beiden mit der Organisation einer angemessenen Bestattung für sie überfordert sind. Deshalb möchte sie das selber in die Hand nehmen. Sie hat das immer getan: die Dinge in die Hand genommen. Sie sieht in einem Stein eine Chance, eine Spur zu hinterlassen. Einfach unsichtbar werden, dass ist für sie keine Möglichkeit. Sie ist Künstlerin, wir suchen in ihren Bildern nach einer Idee für einen Stein.

In mehreren Begegnungen, wir machen ausgedehnte Spaziergänge über den Friedhof, ich besuche sie zu Hause, mit unterschiedlichen Skizzen entwickelt sich nach und nach eine Idee für den Stein. Er soll nicht auffällig sein, soll sich in sein Umfeld einfügen, aber soll auch zeigen, hier liegt ein Mensch, eine Frau, die ihr Leben gelebt hat. Am Ende haben wir beide das Gefühl, wir haben eine Idee entwickelt, die über ihren Tod hinaus eine Erinnerung an sie schafft. An einen einzigartigen Menschen. Die Dame hat ein gutes Gefühl und kann sich ein bisschen beruhigter dem Alltag stellen, in dem für sie jeder Moment der letzte sein kann. Es entsteht ein Ort, den vielleicht nicht viele Menschen besuchen werden, aber es entsteht ein Haltepunkt für alle, die daran vorüber gehen: es hat ein Mensch gelebt, dieser Mensch hat einen Namen und ist es wert, dass wir uns erinnern.

 

Grabstein aus Stein und metall

(c) Katja Stelljes

Sinnbild und Trost

Herr R. ist gestorben. Nach einer schweren Krankheit, viel zu früh, mitten aus dem Leben gerissen. Er hinterlässt eine nicht zu schließende Lücke. Es ist etwas passiert, dass nicht passieren darf. Frau R. beschreibt ihren Mann, ein Mann, der Verantwortung trug; wie sein rastloser Geist ihn nicht ruhen ließ; wie schwer er nahe Begegnungen aushalten konnte.
Sie sagt von sich, sie habe gar keine Idee, in welche Richtung sich die Gestaltung der Grabstelle entwickeln könnte. Aber schon nach unserer ersten Begegnung haben wir bei einem Spaziergang über den Friedhof einige Anknüpfungspunkte gefunden. Sie sah in zwei Steinen, die zusammen auf einer Grabstelle stehen, ein Bild für die Beziehung zwischen Menschen aber auch ein Bild für die unterschiedlichen Seiten, die wir in uns tragen, die offizielle Rolle, die wir erfüllen, und das private Sein. Wir sprachen über die Darstellung eines Lebensweges, aber auch über die Hoffnung, dass es eine Instanz über uns gibt, die uns Trost spenden kann. So sind für mich ganz viele Anhaltspunkte entstanden, aus denen ich Skizzen für die Gestaltung des Grabsteins entwickelt habe. In weiteren Begegnungen haben wir an den Entwürfen gearbeitet und am Ende habe ich den Stein bearbeitet. Frau R. kam in die Werkstatt und hat in den beiden Steinen ein Bild für einen Teil ihrer Gefühle wieder finden können. Als der Stein dann auf dem Grab stand, sagte sie: „Ich habe nicht gedacht, dass an diesem Ort so viel Friede sein könnte.“

Mit dem Tod endet unsere körperliche Existenz. Die Beziehungen enden nicht. Grabstätten sind Orte, an denen die Beziehungen eine neue Gestalt bekommen. Der sichtbare Ort, dass etwas zu Ende gegangen ist, und der sichtbare Ort, dass etwas fortbesteht. In neuer Form. Dafür eine Form zu finden, ist ein Prozess; diesen Prozess können wir gestalten. Ein Friedhof ist ein Ort, der Raum dafür bietet, tatsächlich oft viel mehr Raum, als wir annehmen, weil wir das Bild eines uniformen Friedhofes vor Augen haben, mit Gräbern, die alle gleich aussehen. Das muss nicht so sein, die Spielräume sind groß. Diese Chance sollten wir nutzen!

Katja Stelljes

Grabstein

(c) Katja Stelljes

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