Krankheiten im Alter – oft verdrängt oder gar verschwiegen

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(c) Patientenberatung Bremen

Über die Erfahrungen in der täglichen Beratungsarbeit der Unabhängigen Patientenberatung Bremen berichtet die Geschäftsführerin Elisabeth Götz.

Mit dem Alter nimmt in der Regel die Zahl der Erkrankungen zu. Aber wer will das schon! Manche dieser Krankheiten möchte man nicht wahrnehmen, weil man sich selber nicht eingestehen möchte, dass man jetzt auch so weit ist, an Gebrechen zu leiden. „So alt bin ich doch noch gar nicht, dass ich schon ein Hörgerät brauche.“
Und man möchte schon gar nicht mit der Umgebung, mit Bekannten darüber sprechen. Wem kann man schon die eigenen Krankheiten zumuten? Oder man schämt sich einer Erkrankung, weil sie in der Gesellschaft, im täglichen Umgang tabuisiert ist und vermeintlich nicht darüber gesprochen werden darf: so zum Beispiel die Harninkontinenz. In Deutschland leben über vier Millionen Menschen mit einer Inkontinenzversorgung. Man kann davon ausgehen, dass bei den über 65-jährigen Menschen jeder Dritte an einer der diversen Inkontinenzformen leidet.

Informationen müssen die Betroffenen erreichen

Oft wissen die Betroffenen nicht voneinander. Häufig genug gehen betroffene Menschen nicht mehr in die Öffentlichkeit, nehmen nicht mehr an kleinen und großen Feiern im Familien- und Freundeskreis teil und isolieren sich so immer mehr. Und oft genug führt das dazu, dass wichtige Informationen die Betroffenen nicht erreichen. Dass sie zum Beispiel nicht wissen, wie man mit einer Inkontinenz umgehen kann, welche Hilfsmittel und Versorgungsmöglichkeiten bestehen, mit deren Hilfe man doch am gesellschaftlichen Leben teilnehmen könnte, wenn man denn darum wüsste.

Wir sind eine Beratungsstelle für Jedermann/-frau zu allen möglichen Fragen innerhalb des Gesundheitswesens. Zunächst hören wir zu, mit welchem Problem der Ratsuchende zu uns kommt – dafür haben wir Ruhe und Zeit, damit sich auch wirklich ein Gespräch entwickeln kann. Wir suchen dann mit den Anfragenden und für sie nach Informationen und Lösungsmöglichkeiten zu den Fragen, zu den Problemen. Durch die sehr unterschiedlichen Berufe der Beraterinnen – eine Juristin, eine Ärztin, eine Sozialpädagogin und eine Krankenschwester – können wir bei sehr unterschiedlichen Anfragen mit sehr breiten Themenfeldern Antworten geben.

Wer zu uns kommt, hat seine Hemmungen schon überwunden

zwei Frauen im Gespräch

(c) frauenseiten ; robers

Und natürlich kommen zu uns auch Patienten mit Fragen und Problemen zu ihren Erkrankungen. Die Ratsuchenden bei uns sind in der Mehrzahl Seniorinnen und Senioren, da überwiegend ältere Menschen erkranken. In der Regel können bei uns die Menschen recht offen auch über solche Probleme wie Inkontinenz oder etwa Potenzprobleme – in der Öffentlichkeit noch mehr tabuisiert als die Inkontinenz – sprechen; wir bieten in den Beratungsgesprächen einen absolut geschützten Raum dafür. Und wir sind geschult mit diesen Themen offen umzugehen. Und zudem: warum sollte man nicht über ein so häufiges Problem sprechen; für eine Tabuisierung gibt es eigentlich keinen Grund.

Die Ratsuchenden, die zu uns kommen, wollen ihre Probleme ansprechen, weil sie ihnen zu sehr „unter den Nägeln“ brennen und haben meistens ihre Hemmungen schon überwunden, bevor sie zum Telefonhörer greifen, um uns anzurufen. Und es kann sehr hilfreich sein, seine Hemmungen im Umgang mit Inkontinenz oder der Potenz mit einem oder einer professionellen „Dritten“ besprechen zu können.

Die Beratungsstelle kann nur allen Menschen, die Probleme mit dem Wasserlassen haben oder an anderen Krankheiten leiden, über die „man nicht spricht“ raten, trotzdem darüber zu reden.
Vielleicht zunächst einmal in einer Beratungsstelle wie der unsrigen oder zum Beispiel einer Selbsthilfegruppe damit wenigstens notwendige und unter Umständen hilfreiche Informationen diese Menschen erreichen und ihnen das Leben mit der Erkrankung einfacher machen können. Vielleicht gelingt es ihnen dann, in einem zweiten Schritt mit Bekannten und Freunden über ihr Leiden zu sprechen, um zu erfahren, dass auch in ihrer Umgebung andere Betroffene leben und von deren Erfahrungen profitieren oder auch zu erleben, dass sie von ihrer Umgebung nach dem Tabubruch Unterstützung und Hilfe erfahren.

Die Frage, ob es für manche Menschen schon zu spät ist, lässt sich nur sehr schwer beantworten

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(c) Unabhängige Patientenberatung Bremen

Zu spät könnte es sein, wenn Menschen sich aufgrund ihrer Erkrankungen gar nicht mehr in die Öffentlichkeit trauen und sich so weit isoliert haben, dass sie keine sozialen Kontakte mehr haben. Zu spät könnte es auch sein, wenn sich aufgrund der Krankheiten und dem Nicht-darüber-Reden Probleme innerhalb einer Familie ergeben und diese an der Isolierung möglicherweise zerbricht. Und natürlich kann es auch zu spät sein, wenn sich medizinisch oder pflegerisch an dem aktuellen Zustand noch etwas ändern ließe, aber aus Scham die Ärztin, der Arzt, die Apotheke, das Sanitätshaus nicht aufgesucht werden und daher keine Hilfe kommen kann.
Tatsächlich erhält die Unabhängige Patientenberatung Bremen eher selten Kenntnis von Menschen, für die es zu spät ist, da diese den Weg zur Beratung und zu einem Gespräch eben nicht gehen.

Also daher das Plädoyer: Es gibt viele Menschen, die von Erkrankungen betroffen sind, über die „man nicht spricht“. Je mehr Menschen aber darüber reden, desto schneller werden vermeintliche Tabus gebrochen und desto besser erhält jede Betroffene und jeder Betroffene die oft so wichtigen kleinen und großen Informationen, die unter Umständen das Leben erleichtern können.

Elisabeth Goetz

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